Berlin wartet nicht auf dich

Ein Gespräch mit Martin Hoffmann, Engagement­botschafter Kultur des Landes Sachsen-Anhalt, über Lebensplanung, das Kulturmagazin Magde­boogie und das Forum der Subkulturen

John Palatini | Ausgabe 3-2017 | Bürgerschaftliches Engagement | Interview

Martin Hoffmann, Engagement-Botschafter Kultur, Foto: J. Palatini
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Als Engagementbotschafter Kultur des Landes Sachsen-Anhalt werden seit 2013 Bürgerinnen und Bürger des Landes berufen, die im Kulturbereich ehrenamtlich tätig sind. Die Berufung ist eine Auszeichnung für ehrenamtliche Arbeit und zugleich selbst ein Ehrenamt. Die aktuell fünf Botschafter repräsentieren bei zahlreichen Anlässen das ehrenamtliche Engagement im Kulturbereich und stehen Politik und Verbänden beratend zur Seite.

Einer der durch Kulturminister Rainer Robra am 23. September 2016 berufenen Engagementbotschafter ist Martin Hoffmann. Er wurde von der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt e. V. vorgeschlagen.

Zur Person:

Martin Hoffmann lebt in Magdeburg und absolviert hier derzeit ein Masterstudium in Medienbildung. Er engagiert sich in verschiedenen Bereichen der Magdeburger Kulturszene, u. a. ist er einer der Köpfe hinter Magdeboogie und dem Forum der Subkulturen.



Herr Hoffmann, als gebürtiger Dresdner leben, arbeiten, studieren und engagieren Sie sich in Magdeburg. Das klingt danach, als wären Sie hier angekommen?

Inzwischen kann man das so sagen. Anfangs aber habe ich mit Magdeburg eher gefremdelt. Zweimal bin ich wegzogen und wiederkommen, habe meinen Abschluss gemacht und angefangen hier zu arbeiten, dann war ich noch einmal weg, und erst da habe ich gemerkt, dass ich in Magdeburg inzwischen doch am stärksten verankert bin. Darauf folgte der Entschluss, mich auf Magdeburg einzulassen, mich hier wirklich einzubringen. Im Grunde war ich all die Jahre zwar in, aber nie so richtig bei Magdeburg.

Gut ausgebildet, mit internationalen Referenzen, da stand Ihnen doch die Welt offen. Warum an dieser Stelle kein Wechsel in eine andere Stadt?

Klar, ich hatte durchaus das Gefühl, dass mir die Welt offenstand. Die Frage, die sich ja viele stellen lautet: Berlin oder nicht? Aber ich dachte mir: Berlin wartet nicht auf dich. Vielmehr war mir bewusst, dass ich nun einmal in Magdeburg über ein aktives Netzwerk verfüge. Hier kenne ich viele Leute. Dann kam hinzu, dass ich mich nicht über einen Beruf definiert habe, sondern immer über das Engagement. Und in Magdeburg hatte ich wirklich das Gefühl, etwas bewegen zu können, weil es hier noch Lücken gibt.

Konkret?

Neben vielen anderen Dingen zuvor, bin ich 2014 bei Magdeboogie, einem ehrenamtlichen, alternativen Stadtmagazin, reingerutscht…

…. das nicht zuerst Oper und philharmonisches Konzert ankündigen will?

Genau. Wir wollen keines der klassischen Formate bedienen, sondern haben einen spezifischen Fokus. Gerade vor dem Hintergrund der Diskussion um die Bewerbung Magdeburgs als Kulturhauptstadt Europas hatten wir die Sorge, dass als Kultur wieder lediglich die große Bühne wahrgenommen wird, all das, was zu unserer Lebenswirklichkeit gehört, jedoch nicht. Für Menschen in meinem Umfeld ist Kulturarbeit in erster Linie ehrenamtlich, nebenbei und nicht perfekt. Und genau dafür scheint es nach meiner Ansicht nicht genug Beachtung und Akzeptanz zu geben.

… und Geld?

Uns geht es nicht zuerst um Förderungen, sondern darum, dass all diese ehrenamtlichen Aktivitäten viel mehr Aufmerksamkeit und Würdigung erhalten sollten. Aus diesem Grund haben wir vor einem Jahr mit dem Forum der Subkulturen auch eine Art Interessenvertretung für die lokale, ehrenamtliche Bürgerkultur gegründet. Wir kommen alle vier bis sechs Wochen zusammen, besprechen Themen, laden Referenten ein und stehen in Kontakt zur lokalen Kulturpolitik, um gemeinsam auf unsere Anliegen aufmerksam zu machen, aber auch, um bei allen Beteiligten mehr Verständnis füreinander zu erreichen.

Sehen Sie für sich einen Zusammenhang zwischen Engagement und Lebensplanung?

Mein Studium habe ich ja nicht mit einem eindeutigen Berufsbild begonnen. Insofern ist das ehrenamtliche Engagement im Hinblick auf die Frage, womit sich später der Lebensunterhalt verdienen lässt, eine ganz wichtige Erfahrung und Inspiration.

Daran anschließend ließe sich sagen, dass Ehrenamt jenseits des Umstandes, dass es sich um eine für die Gesellschaft wertvolle Tätigkeit handelt, auch für den einzelnen Akteur nützlich ist?

Ja, sicher! Engagement ist für mich ein zusätzlicher, sehr wichtiger Lernraum, in dem ich mich immer weiter qualifiziere. Die Kompetenzen, die ich bisher in Praktika und freiberufliche Tätigkeiten einbringen konnte, habe ich weniger im Studium erworben. Projektmanagement, Presse- und Netzwerkarbeit – das alles lernt man doch am besten in der Praxis. Sich zu engagieren steht deshalb für mich nicht im Widerspruch zu dem Gedanken, solche Gelegenheiten wahrzunehmen, die das eigene Profil entwickeln helfen.

…und das gerade nicht in der Rolle des Praktikanten, der lediglich an einem von anderen ausgedachten Projekt mitwirkt?

Natürlich! Das ehrenamtliche Engagement ermöglicht mir, zu gestalten und verantwortlich zu handeln. Das sind sehr konkrete Erfahrungen von Selbstwirksamkeit…

…verbunden mit der Gefahr, dass man von diesem ausgeprägten Engagement am Ende nicht mehr lassen will – etwa zu Gunsten einer ganz normalen 40-Stunden-Woche?

Engagement ist sicher kein unwesentlicher Teil meines Selbstkonzeptes. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage noch einmal anders, was nach dem Studienabschluss kommt und wie sich der eigene Lebensunterhält künftig erwirtschaften lässt. Ideal wäre sicher eine Tätigkeit, in die möglichst viele Erfahrungen und durch Engagement erworbene Kompetenzen einfließen.