Dörfer mit Zukunft in Sachsen-Anhalt

Eindrücke von der Bereisung im Rahmen des Landeswettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“ 

von Annette Schneider-Reinhardt | Ausgabe 4-2018 | Bürgerschaftliches Engagement

Die Jury während der Besichtigung. Foto: Jan Köhler (MULE)
Das Weingut Waschfeld Schleberoda stellt sich vor. Foto: Jan Köhler (MULE)
Spielplatz Quarnebeck. Foto: Jan Köhler (MULE)

Der Dorfwettbewerb existiert schon lange. In der DDR hieß er „Schöner unsere Dörfer und Gemeinden“, in den westlichen Bundesländern „Unser Dorf soll schöner werden“. Damals wurde die Einbindung der Dörfer in ihre natürliche Umgebung bewertet, heute sind „Bürgerschaftliches Engagement, Kreativität und Eigenverantwortlichkeit der Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner“[1] gefragt. Seit 2007 heißt es nun „Unser Dorf hat Zukunft“.

Hat ein Dorf den Kreiswettbewerb erfolgreich bestanden, nimmt es am Landeswettbewerb teil. Wird es hier mit „Gold“ ausgezeichnet, ist es im Anschluss beim Bundes- und schließlich vielleicht sogar beim europäischen Ausscheid dabei. Der Wettbewerb soll zeigen, wie sich die Bürgerinnen und Bürger die Zukunft ihrer Dörfer vorstellen und was sie sich vorgenommen haben, um Dörfer auch für ihre Kinder als attraktive und lebenswerte Orte zu erhalten.

Für die Teilnehmer ist der Sieg im Wettbewerb oft nicht das Wichtigste, sondern die Teilnahme selbst. Denn die Vorbereitung auf die Dorfpräsentation ist allein schon ein Kraftakt, der gemeinsam gestemmt werden muss. Die verschiedenen Akteure treffen sich in Gremien, um über die gemeinsamen Ziele zu sprechen, und darüber, was man der Jury zeigen kann und wie man es geschickt präsentiert. Das alles will gut vorbereitet werden: Wer kann sich für die Begehung frei nehmen? Wer kann welche Gruppe vertreten? Dabei vernetzen sich die unterschiedlichen Gruppierungen und wachsen zusammen. Das ist wohl der wichtigste Effekt des Wettbewerbs. Am Ende wird der Erfolg gemeinsam gefeiert. Und schließlich: Wenn alle Teilnehmer an einem Ort zusammenkommen – wie diesmal bei der Landesgartenschau in Burg –, dann können sie auch voneinander lernen und sich austauschen darüber, wie die gegenwärtigen Herausforderungen am besten bewältigt werden können.

Zwei Dörfer wurden in diesem Jahr mit Gold ausgezeichnet: Quarnebeck im Altmarkkreis Salzwedel und Schleberoda im Burgenlandkreis. Beide sollen nun näher vorgestellt werden.

Quarnebeck – Junges Dorf mit Rockfestival und Klönbänken

In Quarnebeck gibt es die „Junge Gemeinschaft Altmark“, ein Verein, der ideenreich über das eigene Dorf hinaus in die Region hineinwirkt. Zu den vielen Ideen zählen ein Rockfestival mit lokalen Bands, ein Sofaabend im Freien (mit bis zu 400 Besuchern) und ein Familienfest mit 30 Vereinen.

Quarnebeck zeigt noch in anderen Bereichen kluge Ideen: Der ehemalige Schweinestall wurde zur Indoor-Schießanlage für die Schützen und zum Training der Jäger umgebaut. An mehreren Stellen im Dorf stehen „Klönbänke“, an denen regelmäßig Gesprächsrunden zusammenkommen. Hier werden dann auch Verantwortungen und Aufgaben verteilt für die Dorffeste wie das Maienaustragen, den Feldgottesdienst mit den Nachbardörfern zu Erntedank oder das Treffen mit den Partnergemeinden in Hessen und Masuren (Polen). In der Mitte des Dorfes befindet sich der Spielplatz. Hier entstand durch die Teilnahme am Wettbewerb eine weitere, inzwischen realisierte Idee: Die gemeinsame Sandspielkiste, die für Ordnung am Sandkasten sorgt und vom Adventsbastelerlös der Dorfjugend angeschafft wurde. Ein besonders engagierter Akteur bei der Umsetzung solcher Ideen ist der örtliche Heimatverein, der für viele kulturelle Events im Ort sorgt.

Wer das Dorf am Rand des Naturparks und künftigen Biosphärenreservats Drömling kennenlernen möchte, kann dies z. B. bei einer Fahrradtour tun. An der neu entstandenen Fahrradstation kann man sich über das Aussterben bedrohter Haustierrassen wie das Harzer Höhenvieh oder über das Imkern informieren.

Schleberoda – Dorf mit Backhaus, Flechthecke und Mobilitätskonzept

Das kleine Dorf mit nur 160 Einwohnern gehört zur Stadt Freyburg, eingebettet in die Landschaft des Naturparks Saale-Unstrut-Triasland. Im Ort wohnen einige junge Familien, die, begeistert von den historischen Höfen, dorthin zogen, um sie liebevoll zu sanieren. Alt- und Neubürger arbeiten und feiern gemeinsam, pflegen die Traditionen der Pfingstburschen, das Maifeuer und das Brunnenfest, und sie erhalten gemeinsam die historische Dorfumfriedung in Form einer Flechthecke. Im gerade sanierten historischen Backhaus des Dorfes werden gemeinsam Osterbrote, Weihnachtsstollen und weiteres mehr gebacken.

Ortsansässige Unternehmen pflanzen Bäume und helfen beim Erhalt der das Dorf prägenden Kulturlandschaft, indem sie zum Beispiel Gerätschaften an die Vereine ausleihen. Der ehemalige DDR-Kindergarten ist heute ein barrierefrei zugänglicher Treffpunkt für die Senioren, die Bibliothek über dem Bürgerbüro in der Mitte des Dorfes ist Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche. Regelmäßig lesen im so genannten Lesestübchen Jugendliche Kindern vor. Die Kirche ist ein Treffpunkt nicht nur für die Kirchgemeinde nebst Förderkreis, der sich um Konzertveranstaltungen u.a. kümmert, sondern auch für die Jugendlichen, die hier gern musizieren.

Nicht zuletzt ist das Dorfgemeinschaftshaus, ein Hof mit ‚neuer‘, umgebauter Festscheune, der Treffpunkt für alle. Federnschleißen, Sensenwettbewerb, Halloween, gemeinsamer Frühjahrsputz, Kinderprojekttage als Ferienangebote sowie die Gestaltung von Infotafeln für die umliegenden Wanderwege sind nur einige dieser gemeinsamen Aktivitäten.

Am Ende ihrer Dorfvorstellung präsentierten die Schleberodaer der Jury noch eine Vision, an deren Umsetzung sie bereits arbeiten. Geplant ist die Anschaffung eines Dorfgemeinschaftsfahrzeuges auf Elektrobasis, das zukünftig auch autonom steuert! Und bereits umgesetzt wird ein innovatives Mobilitätskonzept. Wer einen Weg hat, meldet sich digital auf einer Plattform an, koordiniert die Termine und bezahlt mittels „Dorfwährung“, die nach einem ganzen einfachen Prinzip funktioniert: Du nimmst mich mit, dafür gieß ich deine Blumen, wenn du im Urlaub bist. Das schafft bereits jetzt größtmögliche Mobilität für alle.

Im Folgenden sollen nun die weiteren elf Dörfer vorgestellt werden, die sich dieses Jahr beim Landeswettbewerb beworben hatten.

Hessen – Dorf mit Schloss und Park

In Hessen, einem Ort mit 1.328 Einwohnern, gibt es elf Vereine, die sich um verschiedene Belange im Dorf kümmern, das Freibad, den Sportplatz nebst dazugehörigem Gebäude usw. Das Renaissanceschloss wird vom Förderverein saniert und ist zu einem Haus der Vereine und damit zum kulturellen Dorfzentrum geworden. Seit nunmehr 8 Jahren gestalten die Vereine eine Schloss- und Gartennacht, Literaturabende, Klassikkonzerte (Castle Classic), Pflanzenbörsen, ein „Dinner in Weiß“ usw. Der Parkverein stellt im Schlosspark die historischen Sichtachsen wieder her. Auch ein Jugendclub befindet sich im Schloss. Um weiterhin alles stemmen zu können, wird mittlerweile über die Gründung einer Genossenschaft nachgedacht.

Ein Imker macht gemeinsam mit Kindern ein Bienenprojekt unter dem Titel „Der Landkreis blüht auf“. Von einer guten Strategie für die Zukunft zeugen auch folgende Ideen:

  • Das Gelände einer am Ortsrand gelegenen ehemaligen Zuckerfabrik wurde zum Gewerbegebiet umfunktioniert und eine ehemalige große Hofanlage, das Elisabethstift, als Mehrgenerationenhaus umgebaut.
  • Im Ort befindet sich die nachweislich älteste Gaststätte im Territorium des heutigen Bundeslandes (gegr. 1395), die immer noch gut besucht wird.
  • Obwohl 56 % der Gebäude im Ort unter Denkmalschutz stehen, ziehen vor allem junge Familien hierher, was nicht zuletzt der reichen Vereinstätigkeit zuzuschreiben ist.

Schachdorf Ströbeck

Als nationales immaterielles Kulturerbe anerkannt ist hier die Schachtradition im gesamten Ort zu erleben. Drei Frauen begleiteten uns im Lebendschachfigurenkostüm (die schwarze und die weiße Dame in der Tracht einer Großbäuerin des 19. Jahrhunderts) und berichteten über ihre Rollen beim Schachfest. Die Kinder der Grundschule im Dorf spielen bei dieser Gelegenheit die „Bauern“. Der Schachverein ist Eigentümer eines historischen Gebäudes und veranstaltet hier Schachturniere u. ä.

Der Ort gehört zu den „Kulturdörfern Europas“, dazu wurde ein thematischer kleiner Park angelegt. Des Weiteren gibt es eine Schau-Erlebniswerkstatt, in der bereits Kinder ab dem fünften Lebensjahr an die Arbeit mit Holz herangeführt werden und u.a. auch Schachfiguren herstellen können.

Eine ehemalige Gaststätte wurde zum Hofladen umfunktioniert, zusätzlich wurde ein Dorfladen aus privater Initiative gegründet, der gleichzeitig Post, Lottoannahme und Volksbank ist. Dort werden auch Bücher und Spielwaren verkauft.

Im historischen Kirchhof wird für jedes getaufte Kind ein Baum gepflanzt. Damit auch die pflegebedürftigen Senioren zukünftig im Dorf wohnen bleiben können, soll im ehemaligen Pfarrhof ein Wohnkonzept mit betreutem Wohnen, ambulanter Tagespflege usw. umgesetzt werden.

Riestedt – Dorf der Vereine und Gaststätten

Bei 1.200 Einwohnern verfügt Riestedt über 14 Vereine und vier Gaststätten. In den Gaststätten treffen sich die Vereine regelmäßig, um ihre jeweiligen Aktivitäten zu planen und auszuwerten. Da man sich gegen ein Gewerbegebiet am Rande des Dorfes entschied, sind die Gewerbe in den Straßen zwischen Häuserzeilen auf alten Gewerbehöfen angesiedelt, so z. B. eine Autoverwertung und ein Onlinehandel. Auf dem Gelände eines abgerissenen Hauses entsteht ein behindertengerecht gebauter Wohnkomplex mit Park.

Die vielen Vereine sind sehr aktiv. Sie pflegen die großen Sportanlagen nebst Turnhalle, die auch von den Nachbargemeinden genutzt werden, führen Kräuterwanderungen durch und übernehmen die Baumpflege.

Ein besonderes Highlight aber ist die Grundschule mit vielfältigen Angeboten. Hier gibt es ein Schülerorchester, welches auch z. B. den Weihnachtsgottesdienst gestaltet, Ferienspiele, einen Jugendclub und Treppenhauskonzerte und vor allem eine besondere Schulküche, die die Produkte aus dem eigenen Schulgarten verwendet. So lernen Schüler, wie Obst und Gemüse angebaut werden und wie man sich gesund ernährt. Auch für die Einwohner des Ortes ist die Schulkantine offen.

Wilsleben – Dorf mit regionalem Kräuterbrot und Cross-Strecke

Das Dorf im Salzlandkreis unweit von Aschersleben ist mit ca. 500 Einwohnern relativ klein. Im Vorfeld des Wettbewerbs hatte man sich mit großer Bürgerbeteiligung Gedanken gemacht, was zu verbessern und was vorzeigbar ist. Die ortsansässigen Unternehmen planen Hand in Hand mit den Vereinen und unterstützen diese vielfältig in ihrem Engagement, wie z.B. bei der Sanierung des Schießhauses durch den Schützenverein oder beim Bau des Dorfgemeinschaftshauses. Auch der Förderverein der Kirche wurde bei der Sanierung des Kircheninneren von der ortsansässigen Tischlerei unterstützt.

Zum Erntedankfest feiern alle Vereine gemeinsam mit den Unternehmen des Dorfes in der Kirche. Gedanken macht man sich hier auch um die Gestaltung und Pflege der Landschaft. Durch Spenden sind bereits etliche Bäume auf einer Streuobstwiese neu angepflanzt worden, für jedes in Wilsleben geborene Kind wird ein Baum von den Eltern gepflanzt. So haben die vier Imker genug Nahrung für ihre Bienen. Die ortsansässige Bäckerei, die eine Wohnung für einen Azubi bereithält, griff auf eine regionale Besonderheit zurück, die über 150jährige Tradition des Kräuteranbaus. Gemeinsam mit einem Quedlinburger Saatgut-Unternehmen entwickelte sie ein konservierungsmittelfreies, regionales Kräuterbrot mit Thymian und Majoran. Die von der Dorfgemeinschaft angelegte Motorcross-Strecke im weiteren Gelände des Dorfes wird von den Jugendlichen sehr gut angenommen.

Plossig – ein Dorf der Industriekultur

Man muss weit von der Landeshauptstadt fahren, um nach dem am östlichsten Rand des Bundeslandes gelegene, von Annaburg aus verwaltete Plossig zu kommen. Auf der Tenne eines liebevoll gemeinschaftlich genutzten Hofes betreut ein Verein ein Museum. Auch ein von Jugendlichen selbst gestalteter und verwalteter Klub befindet sich auf dem Areal. Die ehemalige Gaststätte des Ortes ist nun das Dorfgemeinschaftshaus und damit Treffpunkt der vielen Vereine und ein wichtiger Kommunikationsort.

Das Dorf zeichnet sein Engagement für historische Industriebauten aus, so z. B. für das noch voll funktionstüchtige Dampfsägewerk von 1896 und das Hobelwerk von 1939. Daneben wird ein 60 Jahre altes Feuerwehrauto liebevoll erhalten und die Dorfjugend betreut den Miniaturnachbau einer Windmühle, die mit einem Motor ausgestattet ist, den es nur noch dreimal auf dem ganzen Globus geben soll. Das im Ort vorhandene Original soll demnächst gemeinsam mit den Jugendlichen restauriert werden. Aus dem Erlös die Eigenanteile einer Windkraftanlage werden Ortsprojekte bestritten. Daneben gibt es noch eine Fotovoltaik-Anlage.

Hohenwarsleben – das Stadtranddorf mit Autobahnkirche und Fischteichen

Durch die geographische Lage von Hohenwarsleben, dicht an der Landeshauptstadt Magdeburg, mit Autobahnanbindung und großem Gewerbegebiet, muss das Dorf andere Strategien entwickeln, um das Zusammenleben zu organisieren. Am Rand des eigentlichen Ortskerns entstand nach der Wende ein neuer Dorfteil, der die Einwohnerzahl anwachsen ließ (von 600 auf gegenwärtig 1.700). Die Dorfbewohner standen vor die Herausforderung, die vielen Neubürger ins Dorfleben zu integrieren. Dabei helfen u. a. ein großer neuer Spielplatz, eine Gartenanlage sowie die Anlage eines neuen Spazierweges an den Fischteichen.

Veranstaltungen werden gemeinsam durchgeführt. Die zahlreichen Vereine planen gemeinsam Feste wie das Erntedankfest, zu dem die Landjugend die Erntekrone beisteuert, oder veranstalten gemeinsam eine Dorfrallye. Auch ein Graffiti-Projekt zur Gestaltung der Bushaltestelle wird in Angriff genommen. Der Kirchförderverein engagierte sich dafür, dass die Dorfkirche nach der Sanierung zur Autobahnkirche wurde, in der aber auch Konzert- und Vortragsreihen stattfinden.

Eichstedt – das Dorf mit Buchausleihzelle und eigener Gaststätte

Eichstedt, zur Verbandsgemeinde Arneburg-Goldbeck im Landkreis Stendal gehörend, hat ca. 900 Einwohner und verfügt über einen Eisenbahnanschluss und eine Gaststätte. Eichstedt ist der Geburtsort des Afrika-Forschers Gustav Nachtigal, dem der Ort einen Gedenkstein widmete.

Die zehn Vereine sorgen für ein umtriebiges Leben. Der Sportverein kümmert sich um Wanderangebote (beispielsweise für Hundebesitzer) und um den Weihnachtsmarkt in der Sporthalle. Der Kirchförderkreis wirbt für die Sanierung der Helbig-Orgel. Auch Maifeuer, Dorffest, Schützenfest, Karneval, Kita-Feste, Sportlerball, Himmelfahrtsausflüge und Seniorenveranstaltungen werden durch die Vereine organisiert.

Neu entsteht auf Initiative des Ortsbürgermeisters ein Ortschronikverein. Erste Forschungen wurden schon getätigt, eine Art Chronikstube neben einer neu entstandenen Bibliothek eröffnet. Vor dieser Einrichtung gibt es für die offensichtlich lesefreudigen Bewohner eine ehemalige Telefonzelle, die als Bücherausleihstation dient. Für jedes mitgenommene Buch wird ein anderes hineingelegt, so dass der Buchbestand sich ständig verändert.

Reesen – Dorf mit kulinarischen Besonderheiten, einem Sendeanlagenmuseum und einem Vereins-Pfarrhof

Sich selbst bezeichnet Reesen als „Dorf der helfenden Hände“. Vereine und ortsansässige Unternehmen arbeiten Hand in Hand, um das Dorfleben zu gestalten. Das historische Pfarrhofensemble wurde gemeinsam in den letzten Jahren saniert. Es dient nun Vereinen, aber auch den Bürgern allgemein als Dorfgemeinschaftshaus, Festscheune, Dorfplatz usw.

Der Ort wirbt mit kulinarischen Besonderheiten aus der ortseigenen Imkerei, von der neu angelegten Streuobstwiese u. a. Bei den Festen und Feiern des Ortes arbeiten auch hier Kirchgemeinde und Vereine eng zusammen, so z. B. beim Erntedankfest, welches gemeinsam mit dem Heimatverein organisiert wird oder beim traditionellen Adventssingen mit den Kindern u. a. Die Vereine gestalten Thementage, zu denen auch Vereine der Stadt Burg einbezogen werden (Reesen ist seit 2009 Ortsteil von Burg). Eine Besonderheit Reesens ist das kleine private Museum zur Geschichte der Funksendestelle Burg, eines Soldatensenders, das nach Anmeldung besichtigt werden kann.

Brachwitz – Dorf mit Künstlerscheune und Felsenbühne

Das Dorf Brachwitz liegt im Naturpark Unteres Saaletal und seine 900 Einwohner, ca. 80 % davon unter 65 Jahre, sind zu einem guten Viertel im Ort in einem Verein oder ohne Vereinshintergrund engagiert.

Die ehemalige Domäne wurde gemeinschaftlich saniert – jetzt sind hier der Kindergarten und die „Gute Stube“ beheimatet, ein Raum, in dem sich die älteren und geschichtsinteressierten Einwohner treffen. Sie haben z. B. nach intensiver Beschäftigung mit der Geschichte des historischen Kriegerdenkmals ein neues Friedensdenkmal geschaffen. Auch Besuchsdienste für ältere Mitbürger werden hier geplant. Die Aktionen der Kirchgemeinde sind in den Ort integriert wie Offene Kirche, neue Glasfenster und die gemeinsame Gestaltung des jährlichen Martinsfestes.

In einem alten Schafstall entstand ein Atelier, in dem ein Künstlerehepaar Keramik- und Metallkunstwerke gestaltet und Projekte mit Schülern und Workshops durchführt. Touristische Angebote wie ein Jachthafen, der Fährbetrieb, ein Café und eine neu eingerichtete Pension werden mit viel Enthusiasmus beworben. Ein besonderes Highlight ist die seit fünf Jahren wieder in Nutzung genommene historische Felsenbühne am Saaleradwanderweg. Hier finden vielfältige Veranstaltungen, wie z. B. Chorfeste, Konzerte und Sommerkinoabende statt.

Schortewitz – Dorf mit Bienenlehrgarten, Badeteich und Amphitheater

Der 600 Einwohner zählende Ort gehört zu Zörbig und liegt in der Fuhneniederung. Eine ehemalige Kleingartenanlage, die keine Nutzer mehr fand, war der Auslöser, ein neues Konzept mit der Einwohnerschaft zu entwickeln. Es entstand das von einem Verein getragene „Kleinfolgenreich“: ein Bienengarten mit zahlreichen Blumen, in dem Jung und Alt durch Workshops in die Geheimnisse der Imkerei eingeführt werden und viel Interessantes und Nützliches über Gärten erfahrbar ist.

Die Ortsbevölkerung ist vor allem im Bereich Naturschutz sehr engagiert. Die Jägerschaft des Ortes betreibt intensive Bildungsarbeit schon bei den Kleinsten. Seit über 20 Jahren kümmern sie sich gemeinsam mit den anderen Vereinen um die Wiederherstellung der Auenlandschaft und um die Gestaltung der Teiche, die weiterhin als Badeteiche genutzt werden können. Auch eine Streuobstwiese für alle gibt es. Neuestes Projekt der Vereine ist der Bau eines Mehrgenerationenspielplatzes. Es gibt gemeinsame Dorfputzaktionen. Der Jugendclub des Ortes wird vom Heimatverein betreut. Die herausragende Sehenswürdigkeit des Ortes ist ein prähistorisches Großsteingrab, neben dem durch den Heimatverein ein Amphitheater angelegt wurde. Hier finden im Sommer zahlreiche kulturelle Veranstaltungen, wie Lesungen, Konzerte und Filmabende statt.

Reichardtswerben – Dorf mit „Schlacht bei Roßbach“-Diorama und Hähnekräh-Wettbewerb

Das Dorf, heute zu Weißenfels gehörig, und südlich und in Sichtweite von Leuna gelegen, hat eine wechselvolle, durch Kriegsgeschehen geprägte Geschichte, was man beim Rundgang durch eine große Anzahl von Denkmälern und Gedenksteinen spürt, die ein Verein sorgfältig pflegt. Besonders bedeutend ist das Diorama der Schlacht bei Roßbach von 1757 (Siebenjähriger Krieg) nebst den in der Umgebung des Ortes gefundenen Hinterlassenschaften der Schlacht. Auch andere Traditionen werden gepflegt, so das Osterfeuer oder der weit und breit einmalig veranstaltete Hähnekräh-Wettbewerb, bei dem ca. 20 Hähne gegeneinander antreten. Sieger wird, dessen Hahn am längsten kräht.

Der Ort ist geprägt von Vierseithöfen, von denen der größte Teil von den Bewohnern erhalten und gepflegt wird. Fünfzehn Vereine kümmern sich in dem 1.300 Einwohnerort um Geschichte, Kultur, Sport und Natur. Vor allem die Teiche in den einzelnen Ortsteilen werden vom Anglerverein in guten Zustand gehalten. Stolz ist man hier, dass es noch einen Ortsbäcker und einen sogenannten „Tante-Emma-Laden“ gibt.

Für die Kinder des Dorfes gibt es drei Spielplätze – einen davon im Ortsmittelpunkt – und etliche Sportangebote. Die Kindergartenkinder „revanchieren“ sich mit Geburtstagsständchen für die über 70jährigen im Ort. Durch Eigeninitiative des Fußballvereins wurde das Sportgelände erweitert und das Dorfgemeinschaftshaus, das gut frequentiert wird, errichtet.

Fazit

Wenn man alle 13 im Landeswettbewerb angetretenen Dörfer miteinander vergleicht, so sind einige Gemeinsamkeiten auffällig:

  1. Nirgendwo gibt es Probleme mit hohem Leerstand. Alle Dörfer verzeichnen leichten Zuzug.
  2. Ortsentscheidungen finden überall mit einer hohen Bürgerbeteiligung statt. Dies wird bei allen vorgestellten Orten erleichtert durch eine hohe Vereinstätigkeit.
  3. Die Vereine arbeiten miteinander. Generationenübergreifende Angebote stehen im Mittelpunkt.
  4. Die Dörfer versuchen sich möglichst wenig finanziell von der zuständigen Kommune abhängig zu machen, indem sie vieles aus eigener Kraft stemmen, mit unbaren Leistungen und Spenden durch die Bürger oder ortsansässigen Unternehmen, natürlich auch durch Fördermittel, die zumeist durch die Vereine umgesetzt werden.

Am Ende soll ein Zitat aus Schleberoda stehen: „Unsere Zukunft schaffen wir uns selbst, indem wir Neues ausprobieren und Ideen gegenüber aufgeschlossen sind, die ein gutes Leben für alle Generationen auf dem Lande möglich machen.“

 

[1] https://www.bmel.de/DE/Laendliche-Raeume/BULE/Wettbewerbe/_texte/Dorfwettbewerb_Dossier.html?nn=5912632