Zur kulturhistorischen Bedeutung der Linde

von Klaus Popko und Bernd Reuter | Ausgabe 2-2016 | Kulturlandschaft

Die 500-jährige Amtslinde in Kaltennordheim, Thüringen, Foto: Metilsteiner. Lizenz: Creative Commons - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
Tanz unter der Linde, Foto aus: Hieronymus Bock: New Kreütter Buch. Straßburg 1539, S. 27.
Linde mit innenliegenden Wurzeln, Branderoda, Foto: K. Popko

Mit der Winterlinde als Baum des Jahres 2016 wird die Linde als ein Baum mit der vielfältigsten materiellen und immateriellen Nutzung und Bedeutung sowie mit dem größten Bekanntheitsgrad und der höchsten Wertschätzung in der Bevölkerung gewürdigt.

Die Linde ist der Baum, der in Mitteleuropa im Zentrum vieler Dörfer und Städte zu finden war. Im wohltuenden Schatten und beim Duft der unzähligen Blüten entstanden so manche sehnsuchtsvoll klingenden Gedichte, Lieder und malerische Ortsbeschreibungen: „Von der höchsten Höhe aber des geliebten Distelberges, wo er schon in die Hochebene der weiten Erntefelder überging, verschwendeten die sieben Lindengewaltigen, die weitschauenden Wächter des Dorfes im Tal, ihre berauschenden Blütendüfte …“[1]

Die bekannteste Liebeserklärung an die Linde dürfte wohl das Gedicht „Der Lindenbaum“ von Wilhelm Müller, in der Vertonung von Franz Schubert sein: „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum …“

Lindenblattfossilien[2] aus dem Tertiär belegen die Existenz der Linden bereits seit ca. 50 Millionen Jahren. Heute zählen zur Gattung Tilia (Linde) etwa 50 Arten[3], die in den gemäßigten Breiten der nördlichen Halbkugel heimisch sind. In Deutschland gelten zwei Arten als autochthone (einheimische) Lindengewächse, die Winter-Linde (Tilia cordata), die auch unter dem Namen Kleinblättrige-Linde, Stein-Linde, Spät-Linde bekannt ist. Und die Sommer-Linde (Tilia platyphyllos), die 1991 Baum des Jahres war. Die für sie gebräuchlichen Namen wie Großblättrige-Linde, Wasser-Linde, Früh-Linde machen schon auf einige Unterschiede zwischen den zwei Lindenarten aufmerksam.

Eine volkstümliche Aussage zum Alter der Linden lautet: 300 Jahre wachsen, 300 Jahre stehen, 300 Jahre vergehen. Dies ist durch mehrere über 1.000-jährige Linden mit urkundlicher Erwähnung der Lindenpflanzungen bestätigt. „Alte Bäume sind Denkmäler wie Kirchen und Schlösser, mehr noch, sie sind ein lebendes Vermächtnis unserer Vorfahren“[4] – und somit bedeutende Elemente unserer Kulturlandschaft.

Ein bei Linden vorkommendes Phänomen ist die Lebenserhaltung und Lebensverlängerung durch Adventivwurzeln. Dies sind zusätzliche Wurzeln, die sich in hohlen Lindenstämmen von der Baumkrone aus abwärts entwickeln und durch gegen­seitiges Verwachsen einen neuen Baumstamm bilden können. Diese Eigenart könnte das hohe Alter der wahrscheinlich ältesten Linde erklären. So soll die „Radiokohlenstoffdatierung einer seit Menschengedenken immer wieder geköpften Linde in England (…) ein Alter von 6.000 Jahren“[5] ergeben haben.

Eine alles umfassende Beschreibung der vielfältigen Nutzung und Bedeutung der Linde würde mehrere Bücher füllen. Aus diesem Grund wird hier nur auf einige eingegangen.

Umfangreich war und ist die immaterielle Nutzung und Bedeutung der Linde in Verbindung mit Glaube, Aberglaube, mit Bräuchen und Kunst. Die Linde galt als heiliger, Unheil abwehrender Baum, aber auch als Baum des Bösen, Baum des Drachen. Als Baum der Maria und der Fruchtbarkeits- und Liebesgöttin Freya stand die Linde im Mittelpunkt von zahlreichen christlichen und vorchristlichen Bräuchen.

Gerichtslinden standen an Orten der Rechtsprechung, Richtstätten und Opferplätzen. Urkunden belegen das „judicum sub tilia“, das Gericht unter Linden, noch bis Ende des 18. Jahrhunderts.

Die hohe Wertschätzung kommt durch die vielfältige Verwendung der Linde im Volksgut zum Ausdruck. Das häufige Auftauchen der Linde in der Sprache, in Orts- und Personennamen sowie in Namen von Straßen und Gaststätten zeugt von der Bedeutung der Linde für unsere Vorfahren.

Auch in zahlreichen Erzählungen, Legenden, Sagen und Märchen wird die Linde erwähnt. So macht ein herabfallendes Lindenblatt den Helden Siegfried im Nibelungenlied verwundbar.

Die Linde war von alters her Treffpunkt für Verliebte, man traf sich hier zum Tanz (Tanzlinde), bekannt ist sie auch als Baum des Friedens, der Feste und des Wohlstands.

Zur Grenzmarkierung wurde die Linde als sogenannter „Grenzbaum“ gepflanzt. Als barocke Garten- und Landschaftsgestaltungselemente dienten Linden dem Adel für repräsentative und machtpolitische Zwecke.[6]

Die materiellen Nutzungsarten der Linde sind ebenso umfangreich wie die immateriellen und können hier nur ansatzweise dargestellt werden.

Ab Mitte Juni beginnen die Lindenblüten ihren Duft zu verströmen, der die Bienen und Hummeln anlockt und sie mit relativ später Tracht verwöhnt. Es ist jedoch nicht nur der Blütenhonig, sondern auch der Blatt­honig, den die Bienen eintragen. Mit 1.000 kg pro ha[7] liefert die Winterlinde einen sehr hohen Blütenhonigertrag. Etwa 24 kg Blatt­honig können zudem auf einer großen Linde lagern. Seit Jahrhunderten gehören Linden somit zu den wertvollsten Trachtpflanzen. „Im Mittelalter waren sie deshalb gebannt und durften nicht angetastet werden.“[8] Zur Zeit des Römischen Reiches war Honig das einzige Süßungsmittel. Das machte Lindenbaum und -honig sehr wertvoll und daher erklärt es sich, warum Lindenbäume zur Blütezeit von Soldaten beschützt wurden.

In der Medizin wurden z. B. bei Lepra oder Haarausfall Blätter, Rinde und der Saft des Baumes verschrieben.

Lindenholz wird gerne als Schnitzmaterial genutzt, da es sehr weich ist und nicht splittert. Es wurde und wird sowohl zur Herstellung von Alltags- als auch für Kunstgegenstände verwendet. Die Lindenholzkohle ist seit jeher als vorzügliche Zeichenkohle beliebt.

Waldbaulich wird die Winterlinde vom Förster gern in Laubwaldbeständen gesehen, da sie als Schattbaum auch im Unterstand z. B. unter Eichen wächst und dafür sorgt, dass sich bei diesen ein langer, astfreier Stamm ausbildet, der die Holzqualität und den Wert des Holzes maßgeblich erhöht.

Neben vielen anderen Laubholzarten besitzt die Linde die Fähigkeit der Verjüngung durch den „Stockausschlag“. Sie wird einfach „auf Stock gesetzt“, d. h., sie wird gefällt, aber ihr Wurzelstock wird nicht gerodet. So kann sie aus dem Kambium, der lebenden Schicht zwischen Rinde und Stammholz, wieder ausschlagen. Bis ins 19. Jahrhundert war eine derartige Wirtschaftsweise auf größeren Flächen üblich – man bezeichnet diese Bewirtschaftung als Niederwald.

Die Linden wurden bis in die Neuzeit auch als Schneitel- oder Kopfbäume genutzt, d. h. ihre ein- bzw. mehrjährigen Ruten wurden „geerntet“. Das Laub wurde – sofern es jung und frisch war – als Salatbeigabe genossen oder als getrocknetes Viehfutter für den Winter verwendet.

„Nah mit der Jutepflanze verwandt“[9], ist die Linde eine fast vergessene, früher aber sehr vielseitig genutzte und bedeutende Faserpflanze unserer Vorfahren. Die Lindenbastfasern waren eines der wichtigsten Rohmaterialen für die Herstellung der verschiedensten Verbindungselemente und Gebrauchsgegenstände wie Zwirn, Garn, Schnüre, Seile, Tauwerk, Gewebestoffe, Säcke usw. – unentbehrlich z. B. beim Hausbau und für die Netzfischerei. Für die Aufbewahrung und den Transport waren die unterschiedlichsten, aus Lindenbast gefertigten Alltagsgegenstände eine sehr begehrte Handelsware.

Die Linden liefern von allen einheimischen Faserpflanzen die längsten Pflanzenfasern. Bei Ausgrabungen wurde in Hallstatt ein Lindenbastseil aus dem bronzezeitlichen Bergbau gefunden. „Das Seil hielt einer Last von 850 Kilogramm stand, seine Materialeigenschaften können sich durchaus mit jenen von modernen Seilen aus Stahl oder Kunststoff messen.“[10] Neben starken Seilen stellten unsere Vorfahren in der Jungsteinzeit einen gesponnenen „feine[n] Faden von 0,7 mm Durchmesser“ aus Lindenbast her.[11] Bei den Wikingern[12] waren die Taue, Tampen und Enden – die starken Seile und selbst die Segel, die früher in der Segelschifffahrt benötigt wurden, aus den Bastfasern (auch als Flachs bezeichnet) der Linden gefertigt. 1867 waren auf russischen Fluss- und Kanalschiffen die Taue, Stricke und sogar die Segel aus Lindenbast[13]. Die Pflanzenfasern, der „Flachs aus Lindenbast[14]“, wurde aus der Bastschicht unter der äußeren Rinde gewonnen und wie die Pflanzenfasern der Leinpflanze be- und verarbeitet.

All diese vorgenannten, nicht voll umfänglich dargestellten Aspekte begründen, dass die Winterlinde verdientermaßen zum Baum des Jahres 2016 gewählt wurde. „Pflanzt, schützt und beachtet mehr Winterlinden, sie haben es verdient“ sagte die Deutsche Baumkönigin 2016, Lil Wendeler.

 

[1] Adolf Holst (* 7. Januar 1867 in Branderoda, † 4. Januar 1945 in Bückeburg): Ortsbeschreibung aus dem Manuskript seiner Kindheits- und Jugenderinnerungen (bisher unveröffentlicht).

[2] z. B. aus der Grube Messel

[3] Hans-Dieter Warda: Das große Buch der Garten- und Landschaftsgehölze. Bad Zwischenahn 2010, S. 670.

[4] Barbara Blum: Das Grüne Erbe in Unsere Bäume kennenlernen, pflegen, erhalten. München 1992, S. 18.

[5] Michel Brunner: Bedeutende Linden. 400 Baumriesen Deutschlands. Bern 2007, S. 316.

[6] Wolfgang Meyer: Branderoda 3 Linden SYNOPSE. Ostbevern 2016 (bisher unveröffentlicht).

[7] G. Pritsch, H.-J. Albrecht: Bienenweidegehölze., VEB Erfurter Blumensamen Zentrale Werbung, ohne Jahresangaben +/- ca. 1985, S. 6, Tab. 2.

[8] Hans-Dieter Warda: Das große Buch der Garten- und Landschaftsgehölze. S. 670, Bad Zwischenahn, 2010.

[9] A. Roloff auf: http://baum-des-jahres.de/index.php?id=656 (14. 2. 2016).

[10] http://www.sondengaenger.at/xf/threads/bergbau-in-hallstatt-der-trick-mit-dem-h%C3%BCftknick.30526/ (14. 2. 2016).

[11] Karina Grömer: Handwerkstechniken – von der Faser zum Stoff, in: verlag.nhm-wien.ac.at/buecher/Groemer_2010_F_Anhang.pdf (2. 6. 2016).

[12] Wikinger Museum Haithabu.

[13] Hannoversches Wochenblatt für Handel und Gewerbe, 1873 S. 104.

[14] Mitteilungszitat aus Paris von 1603, in: Neue Leipziger Gelehrte Zeitung, 6ten August 1785, Leipzig.