Die Anpacker von Kloster Posa

Ein Gespräch mit Thomas Haberkorn über alte Bausubstanz, Ehrenamt und die Schönheit von Zeitz

von Franziska Schories und Sebastian Bohnet | Ausgabe 3-2016 | Bürgerschaftliches Engagement | Interview

Das Posa-Mobil im Klosterinnenhof, © behnelux gestaltung
Kloster Posa, © behnelux gestaltung
In der Scheune finden u.a. Ausstellungen, Lesungen, Filmvorführungen und Hochzeitsfeiern statt, © behnelux gestaltung
Kleine, freilaufende Bewohnerinnen des Klosters, © behnelux gestaltung
Beim Willkommensfest „Kultursalat“ schallte laute arabische Musik durch den Innenhof und es wurde ausgiebig getanzt, © behnelux gestaltung
Der Klosterteich war ein toller Spielplatz für die Flüchtlingskinder, © behnelux gestaltung

Kloster Posa: Etwas erhöht liegt es mit seinen weitläufigen Anlagen am Rande der Stadt Zeitz. Und genau wie der Stadt sieht man auch dem Kloster an, dass seine Blütezeit schon einige Jahre zurück liegt. Betritt man das Klostergelände, fällt der Blick zunächst auf den Taubenturm inmitten des großzügigen Innenhofs. Etwa im Rechteck drapieren sich um ihn herum verschiedene Stallungen, ein Wohnhaus, eine lang gezogene Scheune und ein schöner Garten. Etwas versteckt hinter dem Wohnhaus findet man das Abtshaus. Das älteste Haus von Zeitz stammt noch aus der Klosterzeit (1114 – 1551). Diese begann vor gut 900 Jahren, doch in den letzten 500 Jahren wurde die Anlage überwiegend als landwirtschaftliche Domäne genutzt – zu DDR-Zeiten sogar als Möbellager. Die Steine der einstigen Klostergemäuer wurden zudem für den Aufbau der Moritzburg in Zeitz verwendet. All das hat Spuren hinterlassen. Im Jahr 2000 kaufte die Stadt Zeitz das Gelände von der Treuhand zurück und begann über den „Verein zur Förderung der ländlichen Region Sachsen-Anhalt Süd“ (VFR), mit Arbeitslosen das Klosterareal baulich wieder instand zu setzen. Als der VFR dies aufgrund sich ändernder Förderbedingungen jedoch nicht mehr leisten konnte, gründete 2013 eine Hand voll junger Enthusiasten den Verein „Kultur- und Bildungsstätte Kloster-Posa e. V.“ und verfolgt nun das Ziel, das ehemalige Kloster wiederzubeleben. Die neuen Bewohner möchten an das frühere Klosterleben anknüpfen, indem Wohnen und Wirken im früheren Benediktinerkloster verbunden wird. Die neue Klostergemeinschaft eint das Anliegen, durch Kultur- und Bildungsveranstaltungen Begegnungsmöglichkeiten für Menschen aus Stadt und Region zu schaffen, eigene kreative Impulse zu geben und Posa zu einem überregional genutzten Veranstaltungs- und Seminarort zu machen.

Journal: Thomas, wie fing alles an? Wann seid ihr zum ersten Mal durch die Klosterpforte geschritten?

Thomas Haberkorn: Bei mir war das im August 2012. Im September 2012 sollte der alte Verein (VFR – Anm. d. Red.) aufgelöst werden. Ich als gebürtiger Zeitzer kenne das Kloster schon seit meiner Kindheit, letztlich jedoch nur von der Außenansicht. Aber in dem Moment, in dem ich dieses Tor durchschritt und das Glück hatte, von der damaligen Vereinschefin eine Führung zu bekommen, setzte sofort mein kulturelles Verständnis und eine gewisse Raumästhetik ein und es begann zu arbeiten. Ich weiß nicht, wie viele Nächte mein Wegbegleiter Philipp und ich uns um die Ohren geschlagen haben, um Visionen zu spinnen und Pläne zu schmieden, was auf Posa alles möglich wäre.

Journal: Und wie kam dann der Stein ins Rollen?

Haberkorn: Wir wussten: das Klosterareal existiert weiter, der Verein jedoch bald nicht mehr. Und das Gelände gehört der Stadt. Nachdem wir viel philosophiert hatten, was man nicht alles machen könnte, war irgendwann klar, dass wir jetzt einfach den ersten Schritt tun sollten: Ich ging also zur Stadt und informierte mich, was hier geplant sei. Am richtigen Zimmer geklopft, empfahl man mir nach einem freundlichen Erstgespräch, unsere Gedanken auf Papier zu bringen. Von vorneherein entstand da eine gute Zusammenarbeit. Dann kam eins zum anderen: wir hatten unsere Visionen in Textform gebracht und im Januar 2013 bildete sich relativ schnell eine Gruppe von Mitstreitern, Visionären und Raumpionieren. Ein komplettes Jahr wurden daraufhin Konzepte erarbeitet, Leute eingeladen, Gruppengespräche geführt, mit der Stadt verhandelt usw. Dann mussten wir uns dem Stadtrat vorstellen und haben ein Konzept präsentiert, das eine Art Manifest ist, mit dem wir uns bei der Stadt als Pächter beworben haben. Im November 2013 war es dann so weit. Feierlich wurde der Vertrag unterschrieben und die Schlüssel übergeben.

Journal: Zu euch: Wie setzt sich die Gruppe zusammen?

Haberkorn: Also gestartet sind wir mit zehn Erwachsenen und sechs Kindern, jetzt sind wir 13 Erwachsene und neun Kinder. Davon drei Zeitzer, die aber auch schon in der Welt unterwegs waren und die Schönheit dieses Ortes erkannt haben. Die anderen haben wir einfach mitgebracht: da sind Thüringer dabei, eine Familie aus Paderborn… Das hat sich glücklich so gefügt.

Journal: Dann hat sich der Verein Kultur- und Bildungsstätte Kloster Posa e. V. gegründet – mit welchem Anliegen?

Haberkorn: Wir wollen den Ort kulturell und wirtschaftlich neu beleben und vor allem öffnen. Unser Verein nennt sich Kultur- und Bildungsstätte, das sagt eigentlich schon alles. Wir sehen unsere Aufgabe darin, das Areal zu beleben und hier regelmäßige Angebote zu schaffen. Die Auseinandersetzung mit dem Ort ist ein zentrales Thema, um das kulturelle Erbe zu bewahren und darüber zu informieren. Dabei wollen wir aber ganz zeitgemäß auch unsere Handschrift mit einbringen und Brücken bauen, um vielleicht auch andere zu motivieren: liebe Leute, Zeitz ist eine wunderschöne Stadt, sie ist, auch wenn man es auf den ersten Blick nicht denkt, sehr liebens- und lebenswert. Und schaut, welche Möglichkeiten für Freiräume es hier noch gibt. Macht was draus! Wir merken, dass durch unsere Angebote der eine oder andere Besucher kommt und denkt: Mensch, toll, so habe ich das ja noch nie gesehen! Und alleine das ist schon viel wert und ein Anfang!

Journal: Wie verfolgt ihr dieses Anliegen?

Haberkorn: Zum Beispiel fand Ende August unser großes Eintages-Festival „Posa Calling“ statt. Es gibt außerdem regelmäßig weitere kleinere Veranstaltungen. So hat sich etwa eine aktive Gruppe herausgebildet, die sich mit einer lebendigen Moderationsmethodik mit dem Namen „Pecha Kucha“ seit einem Jahr mit der Stadt als solcher und seinem urbanen Raum auseinandersetzt. Man kann uns ansonsten gerne einfach ansprechen, eine Führung buchen und jetzt, wo wir auch den angrenzenden Kloster-Weinberg bewirtschaften, den Besuch köstlich-praktisch mit einer Weinverkostung verbinden. Da kommt neben dem geschichtlichen Teil auch ein leiblicher Teil hinzu. Toll ist auch, dass viele verschiedene Gruppen unser Gelände nutzen, um einen Tag oder ein Wochenende selbst an Projekten zu arbeiten. Medial sind wir außerdem gut aufgestellt und nutzen die üblichen Kanäle. Alles, was bisher entstand, entwickelte sich aus eigener Kraft und im Ehrenamt!

Die Homepage des Vereins www.kloster-posa.de hat ein schickes, stringentes Design mit vielen Bildern und liebevollen Grafiken. Hier lässt sich in den Handlungsfeldern des Vereins stöbern: Projekte & Kooperationen, Natur & Umwelt, Leben & Wohnen, Vermarktung & Gastronomie, Kunst & Medien. Dies alles findet sich in einem Veranstaltungsprogramm wieder, das von klassischen Konzerten über Workshops für Studierende zur Nutzung des öffentlichen Raums bis zur Beteiligung am Tag des Offenen Denkmals reicht. Außerdem kann man Räumlichkeiten des Klostergeländes mieten, u.a. für Workshops, Seminare, Hochzeitsfeiern, etc. pp.

Journal: Neulich gab es den „Kultursalat“. Was ist das?

Haberkorn: Der „Kultursalat“ war eine ganz tolle Initiative aus Posanern, also aus Teilen von uns plus externen Leuten aus Zeitz und Umgebung. Es gibt seit geraumer Zeit die Kulturwerkstatt Burgenlandkreis, die Kulturschaffende und Kulturakteure verbinden und vernetzen will. Hinzu kamen Gruppen aus Zeitz, die sich des Themas Flüchtlingsarbeit angenommen haben und dort aktiv werden wollten. Die Veranstaltung „Kultursalat“ war eine Art Willkommensfest für Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten. Hier auf dem Hof war eine ganz tolle Stimmung: es wurde getanzt, gemeinsam gekocht, gelacht und es gab sogar ein Pony zum Reiten. Allein die vielen glücklichen Kinderaugen, die man dort gesehen hat, haben uns in allem bestärkt, was wir dort zusammen auf die Beine gestellt haben.

Journal: Das Posa-Mobil – wofür braucht ihr das?

Haberkorn: Das Posa-Mobil oder auch Aktions-Mobil genannt, konnten wir dank der Förderung der Robert-Bosch-Stiftung realisieren. Seit Januar 2015 sind wir „Neulandgewinner“ und erfinden und gestallten mithilfe dieser grandiosen Unterstützung wahrhaftig Zukunft vor Ort. Das Posa-Mobil gibt uns die Möglichkeit, auch außerhalb der historischen Mauern unser Konzept vorzustellen und die Menschen einzuladen, Zeitz zu besuchen. So schaffen wir eine Brücke aus dem lokalen Kontext heraus, regional und überregional die Vielfalt eines Ortes und einer Stadt „in die Welt“ zu transportieren.

Journal: Hier leben nicht nur Menschen, sondern auch Tiere: Bienen, Schafe, Hühner und Katzen. Betreibt ihr auch Landwirtschaft?

Haberkorn: Geplant ist, in naher Zukunft eine Art Arche-Hof zu integrieren, um dort vom Aussterben bedrohte Tiere zu beherbergen. Aber das wird sicherlich nur im kleinen Rahmen stattfinden. Bisher pflegen und bewirtschaften wir die angrenzende Streuobstwiese und seit kurzem eben auch den Kloster-Weinberg.

Journal: Und wie geht es mit dem Baulichen voran, mit dem Ausbau der Gebäude?

Haberkorn: Das ist definitiv ein eigenes Thema. Man wünscht sich immer, dass alles viel schneller voran geht. Es gibt einen großen Sanierungsrückstau, da über viele Jahre nicht umfassend investiert wurde. Insbesondere um die größeren Gebäudeteile nutzbar machen zu können, werden wir noch sehr viel Zeit aufwenden müssen: zum einen, um Fördermittel zu akquirieren und zum anderen natürlich auch, um Eigenanteile aufzubringen. Und da haben wir noch nicht über die Themen Bauantrag, Umnutzungsantrag, sonstige Auflagen usw. gesprochen. Deswegen haben wir verschiedene Schwerpunkte gesetzt: zum einen die Weiterentwicklung des Pferdestalls, der zukünftig das Herzstück der Kultur- und Bildungsstätte sein soll, mit Seminarräumen, Herbergszimmern, einem Café, einem Hofladen und kleinen Ateliers. Zum anderen schreit die Veranstaltungsscheune nach einem Brandschutzgutachten und dessen Umsetzung. Jede Maßnahme ist mit Kosten und viel Zeit verbunden. Da wir momentan jedoch alles im Ehrenamt leisten, reicht die Zeit einfach nicht, jeden Tag aktiv daran zu arbeiten. Wir gehen ja alle auch noch einer regulären Beschäftigung nach. Ein Teil unserer Gruppe möchte daher mittelfristig seinen Arbeitsmittelpunkt komplett nach Posa verlegen und sich hier oben ganz im Sinne des Konzeptes engagieren.

Der Verein ist bei seiner Arbeit auf Spenden angewiesen. Hierzu organisiert er Feste oder lädt zu Arbeitseinsätzen ein. Für die zahlreichen Aufgaben freut man sich im Kloster immer über Unterstützung.

Journal: Wo seht ihr die Potenziale der Stadt Zeitz und wie können diese stärker aktiviert werden?

Haberkorn: Ich würde mich total freuen, wenn sich Zeitz zu einer familienfreundlichen Stadt entwickeln würde, die mit einer lebendigen Kultur- und Kreativwirtschaft eine Renaissance ihrer ursprünglichen Identität erfährt. Die Erfahrung zeigt ja, dass man als junger Mensch erstmal aus einer Kleinstadt weggeht, weil man die Welt sehen will. Das ist ganz normal und auch sehr wichtig für die eigene Entwicklung. Aber traurig ist, und das geht ja nicht nur Zeitz so, die Menschen kommen nicht nicht wieder – sie bleiben meist in den großen Ballungsräumen und gründen dort Familien. Aus meiner Sicht bietet da eine Kleinstadt mehr Vorteile für ein angenehmes Leben als eine Großstadt. Als Familie hat man hier auf jeden Fall (noch) eine sehr gute Infrastruktur, was Kindereinrichtungen und Schulen betrifft. Zeitz ist eine wunderschöne grüne und alte Stadt, in der ganz viel passiert und verschiedenste Initiativen in allen Richtungen aktiv sind. Auch der Wohnraum ist bezahlbar. Und es gibt eine wunderbare Bahnanbindung z. B. nach Leipzig. Aus der eigenen Erfahrung und den guten Kontakten zur Stadtverwaltung kann ich sagen, dass man hier wirklich noch froh ist über jemanden, der eine gute Idee hat. Und wenn man eine solche auch noch gut vertreten kann, dann stößt man hier auf offene Türen.

Journal: Auf wie lange ist dieses Wohn- und Kulturprojekt angelegt?

Haberkorn: Forever! (lacht) Kann man schwer sagen. Ich kann dabei natürlich nur für mich sprechen: ich bin hier oben angekommen und würde ungerne zeitnah wieder ausziehen. Ich habe das Gefühl, dass das auf viele aus der Gruppe zutrifft. Wir haben von Anfang an gesagt: wir haben ein Konzept für Kloster Posa und kein Projekt. Für mich ist ein Projekt etwas, das einen definierten Anfang und ein definiertes Ende hat. Hier oben auf Posa aber möchten wir etwas aufbauen und zum Teil unseren Lebensalltag damit bestreiten. Vieles hat sich bisher ergeben und ich hoffe, es wird noch sehr viel mehr entstehen. Ich würde mich auch freuen, hier alt zu werden.

Journal: Dann würden wir gerne noch wissen, wie es weiter geht. Was sind eure Visionen, um das Areal weiter zu beleben?

Haberkorn: Unsere Vision ist es, an dem Konzept weiterzuarbeiten. Es anzupassen, Strukturen wie etwa Arbeitsabläufe und die Arbeitsorganisation allgemein zu optimieren. Veranstaltungen weiter zu etablieren, die ein oder andere zusätzliche Veranstaltung anzubieten, mit unserer Herberge voranzukommen und Fördermittel einzuwerben. Und natürlich, die bauliche Substanz Stück für Stück zu modernisieren, um uns dadurch letztlich auch wieder eine Grundlage für eine gewissen Stabilität zu sichern. Dann der Weinberg: vielleicht können wir irgendwann unseren eigenen Wein keltern und dadurch unsere eigene Produktpalette vergrößern. Aber das braucht halt alles Zeit, viel Kraft und persönliches Engagement.

Journal: Und bezogen auf eure Gruppe, wann würdet ihr sagen, dass das Projekt eine runde Sache geworden ist?

Haberkorn: Gute Frage! Wenn alle auch in fünf Jahren noch glücklich und zufrieden sind. Dann würde ich sagen haben wir schon mal viel geschafft. Wir sind eine gute Gruppe, die sich positioniert, schätzt und sehr gut ergänzt. Natürlich kommt oft der Alltag mit ins Spiel – wie gesagt, wir haben Familien, gehen arbeiten…

Ich persönlich würde mich total freuen, wenn wir hier oben irgendwann Strukturen geschaffen haben, die es uns ermöglichen, dass die Leute, die diesen Wunsch mit mir teilen, durch ihr persönliches Engagement hier auch ihr Auskommen haben… Ich wünsche mir, dass wir ein nachhaltiges und umfassendes Angebot schaffen und trotzdem auch ein gutes Leben führen können. Und gutes Leben bezieht sich nicht nur auf das liebe Geld, sondern auch darauf, gemeinsam an unserer Vision weiterzuarbeiten und diese Stück für Stück zu verwirklichen. Think POSAtiv.