Osterwater holen

Margit Vogel | Ausgabe 4-2020 | Lebendiges Kulturerbe

„Der Gang nach dem Osterwasser. Originalzeichnung von W. Stöwer.“ Die Gartenlaube, Leipzig 1893. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Die_Gartenlaube_(1893)_b_197.jpg

Wasser, zu einer vorgeschriebenen Zeit und unter besonderen Bedingungen aus einem Fluss oder von einer Quelle geholt, hat heilende und verschönernde Wirkung – wer möchte das nicht glauben? Osterwasserholen ist ein christlicher Brauch, der bis weit ins 19. Jahrhundert, in einigen Gegenden bis in die 1940er Jahre vor allem im ländlichen Raum gepflegt wurde. Auch heute wird Osterwasser im Gottesdienst gesegnet.

In der Nacht vom Karsamstag zum Ostersonntag machten sich meist Frauen vor Sonnenaufgang auf den Weg, um von einem Fluss, einer Quelle oder vom Dorfbrunnen Wasser zu holen. Die meist jungen Frauen erhofften sich vom Trinken des Wassers eine heilende oder fruchtbringende Wirkung. Frisch verheiratete Frauen wuschen sich mit Osterwasser, um schwanger zu werden. Dabei durften die Frauen nicht gesehen werden und sie mussten auf dem Hin- und Rückweg schweigen. Schon ein Gruß machte die Wirkung des Wassers zunichte.

Margit Vogel aus Hohendodeleben erzählt vom „Osterwater“ in Börde­-Platt:

Wie dat in olle Tieten so war, war de Awergloben wiet verbriet. Da jaw et ok in unse Dorp Mannslie und Frunslie, de bie bestimmte Krankheiten und Zipperlein mit Bespreken versocht hem to heilen. Dat war ofte so bie de Gürtelrose, oder se hem bie awnehmenden Mond Warzen besproken, de denn ok ofte tatsächlich verschwunnen sind. So jaw et ok tau Ostern, dat Osterwater, weckes bie allerlei Gebreken hilpen solle. Et war aber ok an jede Jeschichte en betschen wat Wahres dran. Datau will ick jich wat öbber dat Oterwater vortelln, wat ick silwest erfahren un erlewet hebbe.

Als Kind harre ick ofte, wenn ick et morjens opestahn bin, verklaterte Ogen. Miene Mutter musste mick immer erst de Glustern mit warm Water utwaschen, damit ick se opkreigen daat un wedder um mick kieken kunne. Et hat ok de Arzenei nich veel ehulpen, de uns der Dokter verschremm hat.

Nu jaf et da in Dolä[1] ne Frue, de ja woll en betschen wat vonne schwarte Kunst wech harre. Von de hem we nu den Tipp mit dat Osterwater ekrecht. Na de Owwerlieferung musste man an den ersten Osterdach morjens vor Sunnenopjang an en fleitendes Water mit en Behältnis gahn, den Krauch oder de Flasche jejen de Strömung hollen und mit dat Water noch vor Sunnenopjang wedder na Huse gahn. Dat Wichtigste bie de ganze Anjelejenheit aber war, dat man nicht ein Wort während disse Prozedur säen durfte. Mit disset Water sollten nu de Ogen innerebm[2] werden. Un dat solle tatsächlich hilpen.

Miene Mutter war fest entschloten, sich an den ersten Osterdach morjens op’n Wech to maken. In Dolä jaw et aber kein Fleitwater uter de Röen. Dat hilpe nu alles nist, sei musste da hen. Da se ja schon half inne Nacht los musste, war se dat en betschen unheimlich, so alleene in ne Feldmark rumtolopen. Darum musste mien Grotvader de Prozedur mitmaken, um ehr den Gruhl afewehrn. Se makten sick ok tatsächlich freumorjens, lange vor Sunnenopjang, op’n Wech. Mien Grotvader war ja ok en betschen Schabernacksch un hat an son „Hokus-Pokus“ nich eglowet, wie hei immer esecht hat. Jedenfalls verseuke nu immer, miene Mutter tum Spreken te bringen. Aber sei is iesern eblemm und hat dorcheholln un op alle siene Bemarkungen und Reedsarten nich eantweert. In de Röten anekumm, wolle sei sich grad na dat Water bücken un de mitjebrochte Pulle jejen de Strömung hollen, da leipe ne grote Mus vor se wech. Sei harre sich so verfehrt, dat se bienah opejucht harre un de ganze Schose wäre am Enne doch for umsiss ewest. Doch sei harre sich mächtich tosammeretten un sich op’t Muul ebetten un ehr Osterwater heile na Huse ekrecht.

Nu musste dat bloß noch hilpen. Jeden Morjen na’t Opstahn worren nu miene Ogen mit dat Wunderwater utewischt. Un wat soll ick jich säen, na korte Tiet kunne ick wedder klar ut de Ogen kieken und hebbe seit dunnemals nie wedder verklaterte Ogen ehat. Ick wett aber bet hiete nich, ob nu dat Water oder unse Globe an dat Water ehulpen hebben.

Un mien Grotvader hat ok nie wedder von „Hokus-Pokus“ esproken, wat ne bestimmt schwarefalln is.

[1] Dodeleben

[2] eingerieben