Die Zauneidechse – Reptil des Jahres 2020

Marcel Seyring | Ausgabe 4-2020 | Natur und Umwelt

Adultes Zauneidechsenmännchen zur Paarungszeit. Foto: Benjamin Kischka und Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt
Adultes Männchen der "erythronotus-Form" mit rotbraunem Rückenband und Schwanzregenerat. Foto: Benjamin Kischka und Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt
Höhenverbreitung der Zauneidechse in Sachsen-Anhalt. Karte: Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt
Adultes Zauneidechsenweibchen vor der Eiablage. Foto: Benjamin Kischka und Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt

Die Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde e.V. (DGHT) kürt seit dem Jahr 2006 jährlich zusammen mit weiteren Kooperationspartnern ein Reptil oder Lurch des Jahres. Damit soll auf die starke Gefährdung unserer heimischen Lurche und Kriechtiere aufmerksam gemacht werden. Im Jahr 2020 wurde mit der Zauneidechse – Lacerta agilis (Linnaeus, 1758), eine unserer auffälligsten Reptilienarten zum Reptil des Jahres gewählt.

 

Merkmale

Die Zauneidechse gehört innerhalb der Reptilien zur Familie der Echten Eidechsen. Sie hat im Vergleich zur schlankeren Waldeidechse, der zweiten heimischen Eidechsenart in Sachsen-Anhalt, eine sehr plumpe und kräftige Gestalt. Sie erreicht eine Kopf-Rumpf-Länge von ca. 85 – 90 mm (Männchen) bzw. 90 – 95 mm (Weibchen) und eine Gesamtlänge von ca. 190-226 mm. Durch ihre Färbung und die typische Zeichnung ist sie ein besonders auffälliges Reptil. Beide Geschlechter haben eine braune Grundfärbung und weisen eine charakteristische Rückenzeichnung aus zwei hellen Bändern und drei weißen, oftmals dunkel eingefassten Punktreihen auf dem Rücken auf. Letztere sind individuell verschieden und können zur Unterscheidung einzelner Tiere herangezogen werden. Die Färbung der Männchen ist zur Paarungszeit mit einer intensiven Grünfärbung an Kopf und Flanken besonders prächtig. Neben der typischen Färbungs- und Zeichnungsvariante gibt es, oft lokal gehäuft, auch Individuen mit einem einfarbig braunen bis rotbraunen Rückenband ohne das typische Zeichnungsmuster, die als „erythronotus-Form“ bezeichnet werden.

 

Verbreitung

Die Zauneidechse findet man von der französischen Atlantikküste und Südengland im Westen bis zum Baikalsee in Sibirien. Im Norden reichen ihre Vorkommen bis nach Mittelschweden und im Süden bis nach Zentralgriechenland.

In Deutschland gehört sie zu den am weitesten verbreiteten Reptilienarten und kommt in allen Bundesländern vor. Eine nahezu flächendeckende Besiedlung zeigt sich dabei in den südlichen Bundesländern sowie im Nordosten. In den atlantisch geprägten Regionen in Nordwestdeutschland (Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Bremen, Hamburg) weist sie hingegen große Verbreitungslücken auf und besiedelt nur klimatisch begünstigte Standorte.

Die Zauneidechse ist die häufigste Reptilienart in Sachsen-Anhalt und besiedelt alle Landesteile. Bis zum Jahr 2014 lagen für die Art 4.288 Fundmeldungen aus 83 Prozent der im Land vorhandenen Messtischblätter (10×10 km-Raster) vor. Vorkommensschwerpunkte sind vor allem die größeren Heidegebiete im Osten des Landes (Dübener-, Oranienbaumer-, Glücksbuger- und Annaburger Heide), die Altmark, das Nordharzvorland sowie das östliche Harzvorland bis Halle (Saale) und das Saale- und Unstruttal im Süden. Im Harz, in der Magdeburger Börde und im Zerbster Ackerland gibt es größere Verbreitungslücken. Der höchstgelegene Fundpunkt befindet sich auf einer Höhe von 492 m ü. NN bei Stolberg im Harz.

 

Lebensraum

Die Zauneidechse ist ein Steppenbewohner, der in Übergangsbereichen und Grenzstrukturen wie Waldrändern in Flussauen, an den Küsten oder in Gebirgen seine ursprünglichen Lebensräume fand. Seit der anthropogenen Umformung der Landschaft besiedelt sie als Kulturfolger heute eine Vielzahl von Sekundärlebensräumen. Sie bevorzugt sonnige und strukturreiche Lebensräume mit vielen Übergangsbereichen und einem kleinräumigen Wechsel aus stärker besonnten und beschatteten Bereichen, die eine breite Temperaturspanne bieten.

Zu ihren bevorzugten Habitaten gehören in Sachsen-Anhalt u. a. Trocken- und Halbtrockenrasen, südexponierte Hänge, Heide­landschaften, strukturreiche Wald- und Ackersäume, Waldlichtungen und Abbaustätten. Besonders großflächige und wichtige Lebensräume findet die Zauneidechse auch im Bereich von militärischen Übungsplätzen. Im Siedlungsraum ist sie zudem häufig auf Brachen, Industrieflächen, in Gärten sowie in den Säumen von Verkehrswegen (Straßenböschungen und Bahnanlagen) zu finden.

Als Tages- und Nachtverstecke nutzt die Zauneidechse u. a. Mäuselöcher, Erdbaue, Holz- und Steinhaufen, Bahnschotter und dichte Grasbestände. Die Sonnenplätze befinden sich meist in unmittelbarer Nähe dieser Verstecke. Zur Eiablage benötigt sie lockere, grabfähige Bodensubstrate mit geringer Vegetationsdeckung. Die Überwinterungsverstecke befinden sich meist innerhalb des Gesamtlebensraums und können identisch mit den Tages- und Nachtverstecken sein.

 

Lebensweise

Lebenszyklus

Die Aktivitätsphase der Zauneidechse beginnt im zeitigen Frühjahr je nach Witterung zwischen Anfang und Mitte März, wobei zunächst die vorjährigen Jungtiere und die Männchen ihre Winterquartiere verlassen. Die Weibchen verweilen etwas länger in den Winterquartieren und sind etwa zwei bis drei Wochen später aktiv.

Die Paarungszeit der Zauneidechse beginnt Ende April und dauert etwa vier Wochen. In dieser Phase sind die Männchen am Kopf und an den Flanken leuchtend grün gefärbt und besonders auffällig. Sobald das Weibchen Paarungsbereitschaft signalisiert, beginnt das ritualisierte Paarungsverhalten, bei dem sich das Männchen zunächst an der Schwanzmitte des Weibchens festbeißt. Während des folgenden „Hochzeitsmarsches“ beißt sich das Männchen immer weiter vorn am Schwanz fest, bis seine Bisse final die Flanke des Weibchens erreichen und die eigentliche, nur wenige Minuten dauernde Paarung vollzogen wird.

In den folgenden Wochen wachsen je nach Konstitution und Alter des Weibchens zwischen 4-15 Eier heran, wodurch das Weibchen sichtlich an Leibesumfang gewinnt. Die zu dieser Zeit häufigen Sonnenbäder befördern die Eireifung im Weibchen. Die Eiablage erfolgt in Abhängigkeit der Paarungszeit zwischen Ende Mai und August, wobei in günstigen Jahren auch Zweitgelege möglich sind. Das Weibchen sucht dazu meist offene und gut besonnte Standorte mit grabfähigem Material auf, an denen es die weichschaligen Eier in einer selbst gegrabenen Erdhöhle ablegt. Nach einer witterungsabhängigen Inkubationszeit von ca. 1,5 bis 2,5 Monaten schlüpfen die Jungtiere zwischen Juli bis Anfang September aus den Eiern.

Mit dem Jungtierschlupf wird zugleich die Phase der Winterruhe für die ausgewachsenen Tiere eingeläutet, die nach dem Ende der Fortpflanzung und Eiablage bereits ihre Energiereserven aufgefüllt haben. Dabei beziehen ab August zunächst die Männchen und etwas zeitversetzt die Weibchen ihre Winterquartiere. Die Aktivitätsphase der vor- und diesjährigen Tiere ist hingegen länger und kann in Abhängigkeit von der Witterung bis Ende September/Mitte Oktober reichen. Die verlängerte Aktivitätsphase nutzen die Jungeidechsen, um ausreichend Reserven für die Überwinterung aufzubauen.

Als Überwinterungsquartiere nutzt die Zauneidechse Erdbaue, Stein- und Holzschüttungen, Wurzelstubben u.v.m. Im Vergleich zu den Tages- und Nachtverstecken müssen diese aber weitgehend frostfrei und vor Staunässe geschützt sein, weshalb südexponierte Hügel und Böschungen besonders geeignet sind.

Die mittlere Lebenserwartung der Zauneidechse beträgt im Freiland ca. 6 Jahre. Das dokumentierte Höchstalter für die Art liegt bei 19 Jahren.

 

Ernährung

Die Zauneidechse ernährt sich wie die meisten Reptilien räuberisch. In ihrem Lebensraum unternimmt sie dazu Streifzüge, auf denen sie verschiedenste Wirbellose erbeutet. Neben der aktiven Jagd ist auch regelmäßig eine passive Ansitzjagd zu beobachten, bei der zufällig im Aktionsradius des Tieres befindliche Tiere erbeutet werden. Die bevorzugte Nahrung besteht vor allem aus Insekten wie Heuschrecken, Käfern, Käferlarven, Schmetterlings­raupen sowie aus Spinnen. Die Größe der Beutetiere variiert dabei in Abhängigkeit der Körpergröße und des Alters der Zauneidechsen. Jüngere und kleinere Tiere erbeuten entsprechend kleinere Insekten wie z. B. Zikaden und kleine Heuschecken.

Zur Wasseraufnahme leckt sie Regentropfen und Morgentau auf. Sie trinkt aber auch aus verschiedensten Wasseransammlungen wie Teichen, Pfützen etc. In Dürre- und Trockenphasen kann sie mit Hilfe spezieller Feuchtigkeitssensoren gezielt Bereiche mit ausreichend Feuchtigkeit aufsuchen.

 

Feinde

Die Palette der Zauneidechsenfressfeinde reicht von größeren Insekten (v. a. für Jungtiere relevant) über verschiedenste Vogelarten, anderen Reptilienarten bis hin zu Säugetieren wie Füchsen und Wildschweinen. Der Turmfalke und die Glattnatter gelten als typische Jäger der Zauneidechse. Junge Glattnattern sind gar auf die Ernährung mit Reptilien (oftmals Eidechsen) angewiesen, weshalb sich beide Arten sehr häufig ihren Lebensraum teilen. Im Siedlungsraum kommt mit herumstreunenden Katzen ein weiterer Fressfeind hinzu, der zur ernsthaften Bedrohung von Zauneidechsenpopulationen werden kann.

 

Gefährdung und Schutz

Der Lebensraumverlust stellt eine der Hauptgefährdungsursachen für die Zauneidechse in Sachsen-Anhalt dar. Dieser resultiert oftmals aus einer Bebauung oder Nutzungsintensivierung im Bereich von besiedelten Habitaten. Dabei gehen häufig dicht besiedelte Sekundärlebensräume wie Brachen, abgedeckte Deponiestandorte, Abbaugruben, Bahnnebenflächen, Grünlandflächen etc. für die Art verloren. Bei Acker- und Waldflächen geht die intensivierte Bewirtschaftung der Saumhabitate, strukturreiche Waldränder und Ackersäume, oft mit einem Lebensraumverlust für die Zauneidechse einher. Neben diesen direkten Beeinträchtigungen ist sie auch durch die Nutzungsaufgabe bzw. Nutzungsextensivierung ehemals bewirtschafteter Standorte wie Streuobstwiesen, Trocken- und Halbtrockenrasen, Heiden, Abbaustätten etc. betroffen. Durch eine ausbleibende oder zu geringe Bewirtschaftung (z. B. Mahd oder Beweidung) wachsen die Lebensräume ungehindert zu und verlieren in Folge einer stärkeren Beschattung ihre Eignung als Lebensraum für die Art.

Die Zauneidechse genießt nach den Regelungen des Bundesnaturschutzgesetzes und der Bundesartenschutzverordnung in Deutschland den höchsten Schutzstatus und ist „streng geschützt“. Sie unterliegt aufgrund ihrer Listung im Anhang IV der Fauna-Flora-Habitatrichtlinie (sog. FFH-Richtlinie) zudem auch dem europäischen Artenschutzrecht und darf weder gefangen, verletzt oder getötet werden. Auch ihre Lebensstätten dürfen nicht beschädigt oder zerstört werden. In der Roten Liste der Lurche und Kriechtiere Sachsen-Anhalts wird sie in der Kategorie 3 („gefährdet“) geführt.

Mit geringem Aufwand können auch im heimischen Garten die Lebensbedingungen der Zauneidechsen verbessert werden. Die Anlage von besonnten Naturstein- und Totholzhaufen oder einer bepflanzten Trockenmauer mit vielen Hohlräumen sind ein erster Schritt zum idealen Zauneidechsenhabitat. Neben ausreichend besonnten Versteckmöglichkeiten sollten daneben offene, sandige Bereiche zur Eiablage angelegt werden. Insektenfreund­liche Blühmischungen und ein reichhaltiges Mosaik aus höher- und niedrigwüchsigen Gräsern und Stauden fördern zudem die Insektenvielfalt und damit auch die Nahrungsgrundlage für die Zauneidechse.

 

Besonderheiten

Um Fressfeinden zu entkommen, hat die Zauneidechse eine besondere Überlebensstrategie entwickelt. In Bedrängnis geratene Tiere sind in der Lage, ihren Schwanz an „Sollbruchstellen“ abzuwerfen. Der abgeworfene Schwanz bewegt sich mehrere Minuten lang sehr stark, lenkt dadurch den Beutegreifer ab und verschafft ihr genügend Zeit, um zu flüchten. Das Abwerfen des Schwanzes wird als „Autotomie“ bezeichnet und geht mit einem Verlust an Mobilität und eingelagerten Fettreserven einher. Letzteres ist insbesondere kurz vor der Überwinterung problematisch. Gelingt dem Tier die Flucht, bildet es ein sogenanntes Regenerat, welches etwas kürzer als der abgeworfene Schwanz ist und sich hinsichtlich der Färbung und Musterung vom übrigen Körper absetzt. Bei Bissen von Artgenossen kann es auch zur unvollständigen Autotomie kommen. An den unvollständig gebrochenen Sollbruchstellen können sich eine oder gar zwei weitere Schwanzspitzen bilden.

 

Beobachtungsmöglichkeiten

Die günstigste Zeit zur Beobachtung ausgewachsener Zauneidechsen bietet sich im Frühjahr zwischen April und Mitte Juni zur Paarungs- und Eiablagezeit. In diesem Zeitraum sind sie besonders zeigefreudig und die Männchen auffällig grün gefärbt. Zur Beobachtung der Jungtiere eignet sich der Spätsommer zwischen August und September am besten.

Gut beobachten lässt sie sich grundsätzlich in allen dicht besiedelten Habitaten, also sehr strukturreichen und gut besonnten Flächen mit ausreichend Vegetation und Deckung und Kleinstrukturen. Dort findet man die sich sonnenden Tiere häufig an Übergängen zwischen hoher und niedrigwüchsiger Vegetation und an Stein- und Totholzhaufen, an Wurzelstubben, Betonplatten oder Wegsäumen. Vergleichbare Strukturen finden sich auch häufig im heimischen Garten, sofern dieser ein gewisses Maß an kleingärtnerischer „Unordnung“ und Strukturvielfalt bietet. Bei der Beregnung des Gartens in sommerlichen Trockenphasen werden Zauneidechsen häufig aktiv und können beim Trinken beobachtet werden.

Beobachtungen der Zauneidechse und anderer Reptilien und Amphibien können jederzeit gern an den Landesarbeitskreis Feldherpetologie Sachsen-Anhalt gesendet werden (feldherpetologie-lsa@web.de). Alle Meldungen werden dort in einer landesweiten Datenbank gesammelt, um einen aktuellen Überblick zu den Beständen zu erhalten und bei Bedarf Schutzmaßnahmen zu veranlassen.

 

Dank

Ich danke Benjamin Kischka und dem Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt für die Bereitstellung der Fotos und Abbildungen.

 

Literatur

Elbing, K.; Günther, R. & U. Rahmel (1996): Zauneidechse – Lacerta agilis Linnaeus, 1758. – In: Günther, R. (Hrsg.): Die Amphibien und Reptilien Deutschlands. – Fischer Verlag, Jena. 535 – 557.
Blanke, I. & H. Fearnley (2015): The Sand Lizard – Between light and shadow. – Laurenti-Verlag, Bielefeld. 192 S.
Grosse, W.-R. & M. Seyring (2015): Zauneidechse – Lacerta agilis (Linnaeus, 1758). – Berichte des Landesamtes für Umweltschutz Sachsen-Anhalt. 443-468.
Blanke, I. (2020): Die Zauneidechse – Reptil des Jahres 2020. – Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde e.V. (DGHT). 43 S.
Grosse, W.-R., Meyer, F. & M. Seyring (2020): Rote Listen Sachsen-Anhalt. 13/14. Lurche (Amphibia) und Kriechtiere (Amphibia). – Berichte des Landesamtes für Umweltschutz Sachsen-Anhalt, Heft 1/2020: 345–355.