Euphrosyne und Lauchstädt – Siegfried Berger und Goethes Theater*

von René Schmidt | Ausgabe 4-2017

Die von Charles Crodel gestaltete Bühnenwand. Foto: Historische Kuranlagen und Goethe-Theater Bad Lauchstädt
Douche-Pavillon, 1930er Jahre. Foto: Historische Kuranlagen und Goethe-Theater Bad Lauchstädt
Der Douche-Pavillon in den 1930er Jahren. Foto: Historische Kuranlagen und Goethe-Theater Bad Lauchstädt

Die Bedeutung Siegfried Bergers (1891 – 1946) für die jüngere Geschichte des Goethe-Theaters erschließt sich selbst Geschichtsbeflissenen nicht auf den ersten Blick. Die Protagonisten des 20. Jahrhunderts standen als Nachschaffende und Treuhänder vor der Aufgabe, das Erbe des 18. und frühen 19. Jahrhunderts zu rezipieren und in schwierigen, bewegten Zeiten mit Wirtschaftskrisen und Kriegen zu bewahren. Wie in Weimar werden auch in Lauchstädt die Erinnerungen an die klassische Epoche im 20. Jahrhundert musealisiert und zugleich idealisiert.

Was hat ein mit unterschiedlichen Verwaltungsaufgaben betrauter, preußischer Beamter, der sich zum Schriftsteller und Theaterkritiker berufen fühlte, mit der zu jener Zeit bescheiden aufgestellten Institution des ehemaligen Kurtheaters in Bad Lauchstädt zu tun?

Zunächst offenbart sich dem Leser seiner Schriften ein großer Reichtum an schöpferischen Gedanken zur Bedeutung Goethes und seines Werkes für die Gegenwart, die Berger in stilistisch klarer und klassisch schöner Sprache formuliert.

Die Lektüre seiner Essays offenbart, wie nüchtern wir gegenwärtig mit unserer Tradition und Geschichte umgehen. Die gegenwärtig verbreitete Beurteilung kultureller Werte nach merkantilen Geschichtspunkten des Nutzens und der Wirtschaftlichkeit war Berger fremd. Obwohl er auch für Finanzen zuständig war, erwähnt er mit keiner Zeile den wirtschaftlichen Erfolg der Theateraufführungen in Lauchstädt. Die volkstümliche, tiefe und innige Bindung an die Kulturlandschaft unserer sächsischen Heimat, die aus Bergers Nachlass spricht, ist in den starken gesellschaftlichen Erschütterungen des 20. und 21. Jahrhunderts und durch den allgemeinen sozialen Wertewandel verschüttet worden.

Siegfried Berger war ein Schöngeist und Literat, der sich durch die Zeitumstände genötigt sah, einen Brotberuf zu ergreifen. 1928 wird Siegfried Berger vom Provinziallandtag zum Landesrat gewählt, nachdem er bereits 1927 in die Verwaltung des Provinzialverbandes in Merseburg eingetreten war. Die Kompetenzen seines Amtes erlaubten es ihm, sein schriftstellerisches Talent weiterhin auszuleben, was seiner Funktion als Vorsitzender des Lauchstädter Theatervereins zugutekam. Sein Förderer Erhard Hübener schreibt „Die Provinz hat niemals die Wahl zu bereuen gehabt (…) obwohl ich mich noch recht gut entsinnen kann, dass mir Berger mit seinem brausenden Temperament, mit seiner Neigung zu vernichtender Kritik und mit seiner Missachtung herkömmlicher Formen in den Dienstgeschäften und gelegentlich auch sonst bisweilen das Leben schwer machte, bis er begriff, dass der öffentliche Beamte nicht so wie vielleicht der Tagesschriftsteller den Eingebungen des Tages und seiner subjektiven Stimmung folgen darf …“

Die Lauchstädter Goethestätten zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Im Jahre 1906 wurden nach quälenden und durchaus Bezüge zur jüngsten Gegenwart habenden Verhandlungen das Theater und die Kuranlagen aus dem Eigentum der preußischen Krone in das Eigentum des Provinzialverbandes überführt und damit in kommunales Eigentum verwandelt. Die verdienstvolle, überwiegend privat finanzierte Restaurierung des Goethe-Theaters von 1907 begriff das historische Theatergebäude erstmals als herausragendes Denkmal der Goethezeit. Der Lauchstädter Theaterverein war nach der Restaurierung des Theaters von 1907/08 gegründet worden, um für das Baudenkmal eine kontinuierliche, kulturelle Nutzung zu gewährleisten.

Die dieser Erkenntnis folgende Nutzungskonzeption des Goethe-Theaters im Sinne eines Festspielhauses wurde 1908 eingeführt und hat sich bis zur Gegenwart erhalten. Der Theaterverein trat bis 1944 fast jährlich als Veranstalter auf und lud zu den Festspielen renommierte Theater aus ganz Deutschland ein. Programmatisch agierte der Theaterverein konservativ. Der Theaterverein setzte durch, dass die jährlichen Festspiele einer profilierten Konzeption folgten und ausschließlich Werke der klassischen Epoche zur Aufführung kamen. Dieses konsequente Bekenntnis des Theatervereins zur Tradition des Hauses entsprach durchaus Bergers eigener Gesinnung. Auf die konservativen Züge Bergers weist Erhard Hübener hin, wenn er in seinen Erinnerungen urteilt, dass man Berger nach 1933 vermutlich deshalb im Amt beließ, weil er weniger gefährlich erschien als er (sic: Hübener) selbst.

Die Umgestaltung des Goethe-Theaters und der Kuranlagen 1931/32

1931, im Hinblick auf die Feierlichkeiten zum 100. Todestag Goethes, gab der Provinzialverband eine tiefgreifende Umgestaltung der Kuranlagen und des Goethe-Theaters in Auftrag. Im Einzelnen handelte sich dabei um die künstlerische Raumgestaltung des 1911 errichteten Kleinen Kursaales, die Umgestaltung des brach liegenden Douche-Pavillons zu einem Teesalon und die bildkünstlerische Fassung der Proszeniums-Wand des Goethe-Theaters. Für die Ausführung der umfangreichen Arbeiten schloss der Provinzialverband eine Vereinbarung mit den Werkstätten der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein ab. Nach der Schließung des Weimarer Bauhauses waren 1925 zahlreiche Bauhäusler nach Halle-Giebichenstein gewechselt, unter ihnen der Bildhauer Gerhard Marcks, der das Amt des Direktors der Burg bis 1933 innehatte. Der attraktive Auftrag war für die traditionsreiche Schule eine ausgezeichnete Referenz. Neben bekannten Kunstgewerblern der Burg, wie etwa Gustav Weidanz, war an dem Lauchstädter Auftrag vor allem der Maler Charles Crodel beteiligt. Hinsichtlich ihres künstlerischen Anspruchs waren die von Charles Crodel ausgeführten Wandbilder der erste Versuch seit 1823, die historischen Räume mit einer zeitgenössischen, künstlerischen Fassung zu versehen. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage nach einer Mitwirkung Siegfried Bergers an der Initiative zur Umgestaltung des Zuschauerraumes des Goethe-Theaters. Berger vertrat qua Amt den Landeshauptmann als Vorsitzenden des Theatervereins. Er war maßgeblich an den Goethefeiern 1932 beteiligt, deren umfangreiches Programm zugleich an die 130 Jahre zuvor erfolgte Einweihung des Theaters erinnerte. Zudem war Berger interessiert an zeitgenössischer Kunst und zu einem Urteil befähigt, wie ein Begleittext zu dem 1942 von ihm beauftragten Grafikzyklus Otto Fischer-Lambergs belegt. Leider ist von ihm, der sich ansonsten vielfältig schriftlich äußerte, zu diesem Thema nichts überliefert.

Die Ausmalung der Bühnenwand des Theaters entfachte in der Öffentlichkeit heftige Diskussionen, die insbesondere nach 1933 zunehmend an ideologischer Schärfe gewannen. Die Mitteldeutsche National-Zeitung erörtert den Fall unter dem Kampfbegriff ‚Kulturbolschewismus im Lauchstädter Theater‘ und fordert die Entfernung der Malereien.

Crodel, dem die bevorstehende Vernichtung seiner Gemälde zu Ohren kam, insistierte erfolglos zunächst in der Provinzialverwaltung, später in Berlin. Man hatte es vor Ort eilig, die Wandbilder los zu werden. Noch bevor man sich in Berlin einen Eindruck von den örtlichen Befindlichkeiten verschaffen konnte, waren die Bilder übertüncht und die Lünette am Portalausschnitt der Bühne verbrannt worden. Crodels Beschwerden waren gegenstandslos geworden. Am 31. Mai 1933 teilt ihm der Nachfolger Hübeners als Landeshauptmann, Kurt Otto, kurz und bündig mit, dass die Malereien im Kurhaus und im Goethe-Theater entfernt wurden.

Die erhalten gebliebene Zweitschrift dieses Schreibens an Charles Crodel trägt den Vermerk ‚Herrn Landesrat Dr. Berger zur gefälligen Mitzeichnung‘ und trägt offensichtlich Bergers Namenskürzel. Dieser Aktenvermerk Kurt Ottos und das Namenskürzel Bergers sind zurzeit die einzigen gesicherten Belege für die Involvierung Siegfried Bergers in diese Vorgänge, die der Erforschung und der gerechten historischen Bewertung dringend bedürfen.

Das Wirken Siegfried Bergers als Vorsitzender des Theatervereins bis 1944

In den dreißiger und vierziger Jahren publizierte Berger vor allem im Rahmen der jährlichen Festspiele zahlreiche Aufsätze in den periodisch erscheinenden Schriftenreihen des Theatervereins. Der Titel dieses Beitrages nimmt Bezug auf Bergers 1942 erschienenes Essay zur Biografie der Weimarer Hofschauspielerin Christiane Neumann (1778 – 1797). Berger nennt sie die ‚liebenswürdigste und feinste Frauengestalt aus dem Weimarer Ensemble … durch Goethes wunderbare Elegie, die den Namen ihrer letzten Rolle trägt, unsterblich geworden‘. Christiane Beckers Schicksal ist mit der Geschichte des Theaters in Lauchstädt eng verbunden. In Lauchstädt tritt sie 1797 als Euphrosyne in einem seinerzeit beliebten Singspiel ‚Das Petermännchen‘ des Wiener Komponisten Joseph Weigl auf. Der Überlieferung zufolge muss sie während der Aufführung todkrank von der Lauchstädter Bühne geholt werden, einige Tage darauf stirbt sie in Weimar an der Schwindsucht. Ihre elfenhafte, anmutige Erscheinung und ihr tragisches Schicksal regten Goethe zu einer Elegie auf ihr Ableben an. Die Verklärung des Schicksals Christiane Becker-Neumanns ist ein Exempel für den entstehenden ‚Mythos Lauchstädt‘, der sich bis zur Gegenwart vor allem aus der Fügung nährt, dass sich in Bad Lauchstädt das einzige, original erhaltene Theatergebäude der Goethezeit mit direkten Bezügen zum Wirken Goethes als Theaterleiter erhalten hat. 1942 schreibt Siegfried Berger: „Goethes Werke lassen sich nicht nur zwischen Buchdeckel pressen. Das gedruckte Wort umfasst sie nur zum Teil. Um sein weltweites Wirken zu verstehen (…) muss (man) die Bauten kennen, die er beeinflusste. Es sind zwei Theater darunter gewesen. Auf den Ausbau des Weimarer Theaters hatte er wesentlichen Einfluss. Es ist 1825 verbrannt. Hingegen ist das zweite Theater, das er geschaffen hat und bei dem seine Mitarbeit noch weit mehr ins Einzelne ging als bei der Weimarer Bühne, noch unversehrt. In dem abgelegenen Städtchen Bad Lauchstädt hat es genau die Form, die ihm Goethe 1802 gegeben hat, bis auf unsere Tage bewahrt … Trotzdem nimmt es unter ‚Goethes Werken‘ noch nicht den Raum ein, den es beanspruchen dürfte.“

Siegfried Berger – was bleibt?

Zunächst sind die zahlreichen Texte Siegfried Bergers einzigartige Dokumente zur Lauchstädter Goethe-Rezeption in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und somit für das ‚Gedächtnis‘ der dreihundert Jahre alten Institution von Bedeutung. Seine Konzeption für die Nutzung des Goethe-Theaters im Sinne eines Festspielhauses hat sich bis zur Gegenwart als tragfähig erwiesen. Die Vorgänge um die Restaurierung der Kuranlagen und des Goethe-Theaters von 1931, insbesondere die kunsthistorische Bewertung der Ausmalung durch Charles Crodel, bedürfen einer gründlichen Erforschung.

 

* Vortrag gehalten auf dem Symposium „Siegfried Berger und sein Vermächtnis für eine demokratische Kultur in Sachsen-Anhalt“ der Siegfried-Berger-Stiftung Merseburg und des Landesheimatbundes Sachsen-Anhalt e. V. anlässlich des 125. Geburtstages von Siegfried Berger in Kooperation mit der Stadt Merseburg am 26. November 2016 im Ständehaus Merseburg.