Das Hüttenmuseum in Thale

Ute Tichatschke | Ausgabe 4-2022

Das Hüttenmuseum Thale. Foto: Hüttenmuseum Thale.
Dampfmaschine 2009. Foto: Hüttenmuseum Thale.
Betriebsgeschichtsmuseum 1986. Foto: Hüttenmuseum Thale.
Eisen- und Hüttenwerk Thale 1986. Foto: Hüttenmuseum Thale.

Am 3. Juni 1986 wurde anlässlich des 300-jährigen Betriebsjubiläums des Eisenhüttenwerkes Thale (EHW Thale) ein Betriebsgeschichtsmuseum eröffnet. Es war das erste Betriebsgeschichtsmuseum der DDR und erzählte die Werksgeschichte von Eisenverhüttung und Eisenverarbeitung vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart (1986). Das Museum wurde im umgebauten und denkmalgeschützten Wohnhaus des ersten Hüttenbesitzers Johann Carl Bennighaus (1778 – 1855) eingerichtet. Teil 1, der angebaute Pavillon, stimmte die Besucher auf den Museumsrundgang ein, stellte die 1986 vorhandenen Produktionsbereiche vor und bildete zugleich den Ein- und Ausgang mit Kasse. Der zweite Teil zeigte die Entwicklung des Werkes von den Anfängen der Eisenverarbeitung in Thale bis 1986.

Der Rundgang dokumentierte die historische und sozialgeschichtliche Entwicklung des Werkes in den Zeitabschnitten 1686 bis 1917, 1917 bis 1945 und 1945 bis 1986.

Der dritte Teil des Rundgangs stellte die Entwicklung der fünf Hauptproduktionsbereiche Stahlwerk, Walzwerke, Stanz- und Emaillierwerk, Behälter-Apparatebau und Pulvermetallurgie dar. In der ehemaligen Kapelle der Villa, die zum Filmvorführraum umgebaut worden war, wurde der 1985 fertiggestellte Dokumentarfilm „Von der Blechhütte zum sozialistischen Großbetrieb“ für Besuchergruppen gezeigt.

Die Sammlung brachten die Betriebsangehörigen und Bürgerinnen und Bürger des Kreises Quedlinburg zusammen. Durch die Zusammenarbeit des Instituts für Kulturbauten Dresden, den Gestaltern der „Sozialistischen Werbung Dresden“, dem Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED Berlin, der Martin-Luther-Universität Halle und den Fachleuten des EHW Thale entstand ein Betriebsgeschichtsmuseum in hoher Qualität und mit einem museumspädagogischen Konzept, das in der damaligen Zeit seinesgleichen suchte. Noch im März 1989 gab es eine Vorlage zur Fortschreibung der Betriebs- und Technikgeschichte sowie Erweiterungsarbeiten am Museum. Die Pläne sahen den Bau einer Galerie mit Café vor und nach Stilllegung des Blockwalzwerkes die Angliederung der Dampfmaschine Nr. 7 an das Museum. Dazu sollte es nicht mehr kommen. 1990 wurde das EHW Thale unter Treuhandverwaltung gestellt. Es hatte zu diesem Zeitpunkt 6.500 Beschäftigte und 500 Lehrlinge. Der Betrieb wurde in rentable und unrentable Bereiche unterteilt. Das Museum kam zu einem so genannten Überleitungsbereich und wurde am 27. Juli 1990 geschlossen.

In Thale hatte sich mit dem Kulturkreis Thale e. V. ein Verein gegründet, der das Kulturleben der Stadt mit neuen Inhalten bereichern wollte. Dazu zählte auch die Idee, das Museum wieder zu eröffnen, um die Geschichte des Eisen- und Hüttenwerkes Thale für die nachfolgenden Generationen zu bewahren. Neuer Träger wurde die Gesellschaft für Arbeitsförderung Thale mbH, die EHW Thale AG[1] stellte das Museumsgebäude mit der Einrichtung mietfrei zu Verfügung und das Arbeitsamt genehmigte die erste ABM zum „Betreiben des Hüttenmuseums Thale“. Mit dieser fragilen Konstruktion konnte das Museum am 24. Juli 1991 wieder eröffnet werden. Für das Museum war es höchste Zeit, denn in dem einen Jahr Schließung war einiges „verloren“ gegangen. Über die Stadt beantragte Fördermittel des Landes Sachsen-Anhalt wurden für den Umbau des Filmvorführungsraumes zur Galerie, ein neues Faltblatt, Image- und Eindruck-Plakate[2] sowie die Überarbeitung des Ausstellungsraumes 1686 bis 1945 verwendet. 1993 gelang es, nach dem Abriss der Investbaubaracke[3], die Dampfspeicherlok Type FLC auf die neugestaltete Freifläche umzusetzen. Trotzdem stand das Trägermodell durch seine Abhängigkeit von genehmigten ABM-Stellen auf wackligen Füßen. Am 20. März 1996 gründete sich der Förderverein „Freunde und Förderer des Hüttenmuseums Thale am Harz e. V.“, der sich für den Erhalt des Museums und die Bewahrung der Geschichte der schon verschwundenen Bereiche des ehemaligen Großbetriebes einsetzen wollte. Aber erst die Umwandlung des Fördervereins in den Trägerverein „Geschichts- und Hüttenmuseumsverein Thale am Harz e. V.“ am 1. Juli 1998 gab eine Grundsicherheit für die Weiterexistenz des Museums. Möglich wurde dies durch die finanzielle Bezuschussung durch die Schunk GmbH[4] und der Stadt Thale. Seitdem wurde u.a. der Ausstellungsteil „Ökologische Flächensanierung großer Teile der EHW Thale AG“ in die Dauerausstellung integriert und der Ausstellungsteil Pulvermetallurgie von 1986 bis zum Jahr 2007 erweitert. Der umfangreichste Sammlungsbestand des Museums ist das Emaille-Geschirr. Das Museum verfügt außerdem über eine technische Spezialbibliothek, die in großen Teilen von der Werksbibliothek übernommen wurde. Größtes Projekt unter Trägerschaft des Vereins war die „Präsentation der Dampfmaschine Nr. 7 als Teil des Hüttenmuseums Thale“. Von 2000 bis 2009 wurde das Dampfmaschinengebäude gesichert, rekonstruiert und erweitert sowie die Dampfmaschine Nr. 7 restauriert. Mit der reaktivierten Schmidt’schen Heißdampfmaschine, die von 1912 bis 1990 alle drei Walzgerüste des Blockwalzwerkes antrieb, wurde ein herausragendes Industriedenkmal des 20. Jahrhunderts erhalten.

Ziel der nächsten Jahre ist die Überarbeitung und zeitgemäße Präsentation der Dauerausstellung. Ein erster Schritt war die Erstellung eines browserbasierten Audioguides in deutscher und englischer Sprache über museum.de. Die Besucher können sich mit dem eigenen Smartphone durch die Dauerausstellung führen lassen. Möglich wurde dies über eine Förderung durch das Programm NEUSTART KULTUR.

 

Literaturverzeichnis:

Könnemann, Erwin; Beck, Manfred; Sonnenberg, Heinz: 300 Jahre Geschichte der Eisen- und Hüttenwerke Thale 1686 – 1986, Thale 1986.

Schumacher, Dieter: Das Eisen- und Hüttenwerk Thale vor 30 Jahren und die Entwicklung nach 1990, Thale 2019.

Tichatschke, Ute: 25 Jahre Hüttenmuseum Thale, in: Festschrift 25 Jahre Hüttenmuseum Thale und 100 Jahre Dampfmaschine Nr. 7, S. 16 – 27, Thale 2011.

Tichatschke, Ute: 100 Jahre Dampfmaschine Nr. 7, in: Festschrift 25 Jahre Hüttenmuseum Thale und 100 Jahre Dampfmaschine Nr. 7, S. 28 – 39, Thale 2011.

 

Anmerkungen

[1] Die EHW Thale AG wurde als Rechtsnachfolger des VEB Eisen- und Hüttenwerke Thale gegründet (Satzung 28. 05. 1990, Eintrag im Handelsregister 06. 08. 1990).

[2] Eindruck-Plakate waren vorgestaltete Plakate, in deren leerer Mitte Veranstaltungen und Sonderausstellungen eingedruckt werden konnten.

[3] Eine Baracke in Leichtbauweise, in der die Mitarbeiter für die Planung baulicher Investitionen saßen.

[4] Rechtsnachfolger der EHW Thale AG in der Zweitprivatisierung 1997.